Die Windel soll weg – wer entscheidet – Eltern oder Kind?

Sauberkeitserziehung – bei dem Wort stellen sich mir die Nackenhaare auf. Kinder erziehen, dass sie trocken werden? Geht das überhaupt?

Die Kontrolle über Blase und Darm ist ein kontinuierlicher Reifeprozess unserer Kinder, beginnend bereits als Säugling. Dieser Prozess kann, bis die Kinder wirklich trocken sind, zwei bis vier Jahre dauern. Kleine babies haben in der Regel zwischen zwei bis viermal Stuhlgang und entleeren ca. stündlich unkontrolliert ihre Blase. Säuglinge nehmen es aber bereits wahr, dass sie Pipi gemacht haben und signalisieren es bspw. durch schütteln oder Laute (Quelle). Unsere Kleene macht es heute noch mit 2,5 Jahren, dass sie sich schüttelt, wenn sie Pipi gemacht hat.

Exkurs: Immer mehr Eltern setzen auf das so genannte „abhalten“ bzw „windelfrei“.  In Naturvölkern ist das üblich. Hier geht es nicht um verfrühte Sauberkeitserziehung sondern mit dem Hintergrund, dass schon Babies sich mitteilen können, wenn sie müssen bzw. Anzeichen geben und sich so nicht an die Windeln gewöhnen. Diese sind heute extrem saugfähig, so dass es viele Kinder nicht stört, wenn sie bspw. Pipi gemacht haben. Die Eltern sehen es meist auch aus ökonomischen und ökologischen Gründen aber auch um die Kinder „natürlich und ursprünglich“ aufwachsen zu lassen.

In einem Alter von ca 18 bis 24 Monate ist die Entwicklung soweit voran geschritten, dass die Nervenbahnen zwischen Gehirn und Blase/Darm, die so genannte Pyramidenbahn angelegt ist. Die Kinder beginnen sich für die Toilette zu interessieren oder möchten sich probeweise auf das Töpfchen setzen (Quelle). Zu diesem Zeitpunkt können die Eltern, ohne das es die Kinder bewusst trainieren, unterstützen.

  • Offene Tür: Auch wenn es für die Mama nervig ist, dass wir nicht mal alleine auf die Toilette dürfen – die Kinder lernen ausschließlich durch imitieren. Also ruhig zusehen lassen. Natürlich gibt es monatliche Grenzen, da möchte Frau kein Kind dabei haben
  • Töpfchen/Leiter und co: Mit Interesse Töpfchen, Toilettenring usw im Bad aufstellen.
  • Spaß machen: vor dem baden fragen ob Jemand Pipi muss und aufs Töpfchen setzen lassen (nur wenn sie wollen, kein Druck oder Zwang)
  • Nackig laufen lassen: besonders in den Sommermonaten können die Kleinen nackig laufen und üben und sich selbst erfahren, wie es ist Pipi oder groß zu machen und keine Windel um ist.

Unterstützen – wenn der Reifeprozess soweit ist, wird das Kind von alleine keine Windel mehr haben wollen

Wenn die Entwicklung voran schreitet, lernen die Kinder erst den Darm, dann die Blase und schlussendlich, bedingt durch das Wachstum und des größeren Blasenvolums, die Blase in der Nacht zu kontrollieren und anzuhalten.

Viele Kinder werden nach dem 2. Geburtstag bzw. im 3. Lebensjahr trocken, Manche aber auch erst mit 4 Jahren. Der gesellschaftliche Druck, besonders unter Mamas ist enorm. Die Frage kommt immer wieder und teilweise scheinen richtige „Wettkämpfe“ statt zu finden: „Welches Kind ist als Erstes trocken“.

Jedes Kind ist anders und entwickelt sich in seinem/ihrem Tempo

Sind die Kleinen tagsüber bereits trocken, kann es jederzeit auch zu Rückschritten kommen und sie schaffen es nicht rechtzeitig. Besonders Kinder, die überall dabei sein möchten, zögern es hinaus oder sie sind so tief in das Spiel vertieft, dass sie schlichtweg es vergessen. Im dritten Lebensjahr funktioniert die Meldung von Blase an Gehirn „Blase voll, ich muss mal Pipi“ schon sehr gut aber der umgekehrte Weg muss geübt werden – Wasser halten. Das tun unsere Kinder natürlich auch – sie spielen und denken, ein wenig schaffe ich noch aber sie haben sich überschätzt und konnten noch nicht so lange anhalten.

Es gibt auch andere Gründe, warum bereits trockene Jungen und Mädchen wieder einnässen:

  • Stress/ Überforderung
  • Druck durch das Umfeld
  • Krankheiten (Infekte, Blasenentzündung usw.)
  • Umzug
  • Geschwister/ Baby oder Eifersucht
  • usw.

Eltern sollten niemals vergessen, die Kleinen in einem Alter von 3 oder 4 Jahren, provozieren niemals absichtlich. Ihr bestreben ist ausschließlich nach Liebe und Anerkennung der Eltern – sie wollen Alles richtig machen. Natürlich sind sie sich auch selbst am Nächsten und wenn sie erstmal spielen, dann sind sie vertieft und abgelenkt. Bewusst einnässen tun die Wenigsten und wenn, dann sind genannte Gründe zu überdenken.

 

Ein Situationsbeispiel:

Die Mama schaut ihr Kind an: „Du musst doch mal. Gehe bitte auf die Toilette.“ Das Kind antwortet: „Nein, ich muss nicht.“ und spielt weiter. Die Mutter unterbricht das Spiel erneut und sagt: „Ich sehe Dir an das Du musst, gehe jetzt bitte auf die Toilette.“ Das Kind schaut auf und sagt erneut: „Mama, ich muss aber nicht, ich möchte spielen.“ Die Mama ist mittlerweile ein wenig sauer, sie will das Kind natürlich nicht zur Toilette tragen. Also sagt sie abschließend: „Gut, wenn Du in die Hose machst, dann gehen wir sofort nach Hause. Gehe lieber auf die Toilette.“

Wir versuchen unsere Kinder möglichst bedürfnisorientiert zu erziehen, also bei jedem der drei Kinder zu verstehen, in welcher Situation befindet es sich derzeit, warum möchte es nun nicht auf die Toilette gehen, obwohl ich doch genau sehe das es muss und hinterfragen die Situation. Das ist natürlich sehr aufwendig aber aus unserer Erfahrung kann ich sagen, wir haben mit vielen Themen keinen Stress zu Hause.  Das ist natürlich keine Generallösung und es ist unser Weg aber ich möchte meine Meinung zu dem Fallbeispiel schreiben –  wie wir in dieser Situation reagieren.

Zunächst – was ist passiert? Die Mutter übt ihre Machtposition gegenüber der Kinder aus. Sie ist der Meinung (und womöglich stimmt es auch), das Kind muss auf die Toilette. In ihrer Sicht bockt es und will nicht gehen. Deswegen wird zieht sich schlussendlich alle Register und droht mit einer Konsequenz – wir gehen nach Hause. Aus Sicht des Kindes ist es aber vielleicht so, dass es in dem Moment wirklich noch nicht muss oder der Meinung ist, ich halte das noch aus. Mama glaubt mir nicht und Mama traut mir auch nicht zu, das ich es alleine merke und zum Klo gehe. Die nasse Hose ist für mich (Kind) ja auch unangenehm.

In der Spielsituation ist es wahrscheinlich dann wirklich so vertieft und vergisst auf die Toilette zu gehen. Oder es sagt „muss nicht“, weil es Angst hat etwas zu verpassen – denn es soll ja auch alleine gehen. Ist es dann passiert, ob absichtlich oder nicht, schimpft die Mama und sagt womöglich noch „Das habe ich Dir doch gesagt – das hast Du nun davon, wir gehen nach Hause.“ Die gesamte Situation ist negativ verlaufen. Das Kind hört das es einen Fehler gemacht hat, fühlt sich ungeliebt, wird bestraft. Das Alles dafür, dass es im Spiel vertieft war und einfach dachte, „ich schaffe es noch ein wenig“ oder vielleicht einen Infekt ausbrütet oder es gar nicht richtig gemerkt hat, weil der Reifeprozess nicht nach Lehrbuch bereits mit 2,5 Jahren abgeschlossen ist. Wenn ein Kind absichtlich in die Hose macht – in einem Alter jenseits der vier Jahre – dann ist das kein Grund zu schimpfen, sondern ein Alarmsignal für alle Eltern. Denn dann läuft irgendetwas schief und das Kind kann „den Druck“ nicht mehr standhalten (meine persönliche Meinung).

Wie könnte die Situation positiv ablaufen und das Kind bestärkt werden, dass es selbstmotiviert trocken werden möchte?  Hier ein paar Ideen:

  • Parts oder Trainingshöschen 
    • Dem Kind signalisieren: Das ist nur eine Sicherheitspampi. Wenn Du musst gehst Du auf die Toilette aber wenn Du es nicht schaffst, dann ist das nicht schlimm, dann hast Du zur Sicherheit noch eine Pampi an. Signalisiert: Keinen Druck und ist auch nicht dramatisch wenn einmal was daneben gehen sollte.
  • Bestärkung
    • Den Kindern ist es unangenehm wenn sie in die Hose gemacht haben und Alles nass ist. Sie wissen das es nicht richtig ist und das Mama oder Papa evtl schimpfen werden. Sie haben sozusagen „versagt“ und durch eine negative Reaktion seitens der Eltern, wird das auch verstärkt.
    • Warum also nicht sagen: „Nicht schlimm, komm wir ziehen Dich schnell um und beim nächsten Mal schaffst Du es.“ Wenn es häufiger vorkommt, Sicherheitspampi nutzen
  • Wechselsachen in greifbarer Nähe
    • Das Kind versteht meist nur „ich muss mich jetzt umziehe“. Die größte Angst „Ich verpasse Alles“ wird wahr
    • Warum nicht direkt vor Ort umziehen oder Mama oder Papa gehen mit, der Puppenwagen wird schnell vor der Tür geparkt oder mitgenommen. Die Situation entschärfen
  • Situation „einfrieren“
    • Wenn es zum Klo geht, können die Eltern erklären, wir hexen jetzt und es bleibt Alles so wie es ist. Du verpasst nix und wenn wir wieder da sind, dann spielen wir weiter. Ein Zauberspruch könnte sein: „Abra Kadabra eins, zwei, drei wie Jeder weiß – jetzt wird hier Alles zu Eis“.
  • Begleitung
    • „Komm, Mama kommt mit zum Klo. Du musst nicht alleine gehen.“ reicht meist schon aus, dass die Kinder auf die Toilette gehen. Auch den Popo abwischen (obwohl sie es bereits selbst können) oder gemeinsam die Hände abtrocknen schafft Nähe und in dem Moment ist die ungeteilte Aufmerksamkeit von Mama da. Positiv und viel loben wie toll es das Alles schon gemacht hat.
  • Verständnis
    • „Ich verstehe das Du so tief in dein Spiel verspielt bist und hier Nichts verpassen möchtest aber ich glaube Du musst doch ganz dringend einmal Pipi machen. Ich komme schnell mit und die Anderen warten auf Dich.“ Das Kind abholen und begleiten

Meiner Meinung und Erfahrung nach ist es nicht notwendig mit Konsequenzen und Drohungen anzuwenden. Mit Verständnis und viel erklären funktioniert es sehr gut. Auch wenn vielleicht jetzt die Anmerkung aufkommt: „Ich gehe doch nicht jedes Mal mit, dass kann er/sie schon alleine.“ Es ist gar nicht notwendig. Vielleicht ist es gerade ein Entwicklungsschub und Mama wird in der Phase einfach mehr gebraucht als sonst. Nach ein paar Mal fängt die Autonomiephase wieder an und das Kind wird sagen „Ach Mama, ich gehe schnell alleine Pipi machen.“  Ich kann es aus eigener Erfahrung bestätigen. Wenn mein Sohn die Phase hat, dass er morgens seine Schuhe nicht alleine anziehen kann und ich ihm sage: „Schatz, na klar helfe ich Dir“ und ziehe ihn komplett an – ein paar Tage später kommt von ihm aus das er schon groß ist und dass alleine hinbekommt.  Probiert es aus!

Kinder streben nach Liebe und Aufmerksamkeit – ihnen ist praktisch egal, ob es positiv oder negativ (schimpfen) ist. Die Kleinen „provozieren“ nicht um zu ärgern – sie finden Wege um auf sich aufmerksam zu machen. Unsere Aufgabe als Mama und Papa ist es, herauszufinden was denn genau los ist. Warum verhält es sich so? Was versucht das Kind damit zu erreichen? Das natürlich altersentsprechend. Ein Dreijähriger ist drei und sein Horizont ist noch nicht so wie bei einem Sechsjährigen.

Unsere Kinder spiegeln uns jeden Tag das eigene Verhalten. Nicht sie müssen sich ändern – wir müssen uns überdenken und wie wir mit ihnen umgehen!

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