Gastbeitrag “Der Alltag hatte uns mehr im Griff als wir ihn!” – 3 Kinder – eine Reise

Ich freue mich sehr über den Gastbeitrag der lieben Mareike. Sie ist Mama von drei Kindern und erzählt von ihrem Alltag, Ritualen und ihrer derzeitigen Reise quer durch die ganze Welt – natürlich mit den Kindern.  

Gastbeitrag: Alltag und Rituale  – mit 3 Kindern unterwegs

Ich gebe zu, wir sind nicht so die Familie mit geregeltem Tagesablauf und alltäglichen Ritualen. Obwohl mir die Vorstellung eigentlich sehr gut gefällt: Die Familie sitzt gemeinsam am Tisch, jedes Kind hat seine Aufgaben, kennt diese und führt sie ohne zu murren aus. Vor dem Zubettgehen wird der Tag noch einmal Revue passiert, gekuschelt und vorgelesen. An Halloween gibt es ausgehöhlte Kürbisse, zur Weihnachtszeit Ausstechkekse und selbstgestaltete Adventskalender und an Geburtstagen Frühstück im Bett. Wenn das Gemüse gegessen wurde, gibt es Süßes zum Nachtisch und im Urlaub darf jedes Kind eine kleine Tasche mit Spielsachen für die Reise packen.

Ja, so stellt man es sich gerne vor, doch bei uns kam alles etwas anders. Jedenfalls zeitweise. Als meine beiden Großen noch meine beiden Kleinen waren – sie sind jetzt 9 und 7, was immer noch ein wenig klein ist, aber seitdem unser Nesthäkchen, 18 Monate, dazugehört, sind sie halt „die Großen“ – jedenfalls habe ich in dieser Zeit immer versucht, meinen Kindern so ein Leben zu bieten wie eingangs geschildert. Das hat auch oft gut funktioniert, aber es war auch manchmal ganz anders: Der Eine will nicht essen, der Andere nicht sitzen bleiben, der Mann hat Stress auf der Arbeit, das Essen bleibt stehen, der Abwasch liegen, der Eine muss ins Bett, der Andere hat Pipi in die Hose gemacht, dazu der Schulalltag, die Hausaufgaben und ein Job. Da blieben schöne Vorhaben wie Kuchen backen oder Ostereier anfärben oftmals auf der Strecke – kurzum:  So schön das Familienleben dennoch meistens war, eines blieb meinem Partner und mir immer im Hinterkopf: Irgendwann machen wir ein Sabbatjahr. Irgendwann nehmen wir ein Jahr Auszeit von allem und gehen mit den Jungs auf Reise. „Irgendwann“ wurde von einem Jahr aufs andere verschoben, denn „irgendwas“ kam immer dazwischen.

Mit der Geburt unseres dritten Sohnes wurde unser Leben umgekrempelt. Was an Alltag und Ritualen da war, änderte sich schlagartig. Ich konnte abends nicht mehr mit meinen Söhnen im Bett kuscheln und lesen, sie konnten morgens nicht mehr in unser Bett hüpfen, denn da lag ja nun der winzig kleine Bruder und schlief oder wurde gestillt oder getröstet. Geregelte Tagesabläufe wurden noch schwieriger einzuhalten, Ausnahmen wurden zur Regel.

Schließlich entschieden wir, dass die Zeit der Ausflüche vorbei ist, dass wir nun endlich unsere Auszeit in Angriff nehmen müssen. Ich habe meinen Job als Hochschuldozentin an den Nagel gehängt, mein Partner, der selbstständig ist, sein Business umgekrempelt, so dass er ortsunabhängig arbeiten kann. Die Kinder haben wir zum Hausunterricht angemeldet. Da wir in Ostbelgien, dem deutschsprachigen Landesteil, leben, war dies kein Problem. Ich freute mich auf die Herausforderung, meine Söhne zu unterrichten und die Schule hat uns bei unserem Vorhaben unterstützt, uns mit Material versorgt und Mut gemacht. Das Haus war ruckzuck vermietet – die Reise konnte beginnen. Im Grunde waren es doch nur unbestimmte Ängste, die uns von dem Schritt abgehalten hatten, einfach loszuziehen. Schlussendlich war alles so viel einfacher als wir dachten.

Seit Anfang September sind wir unterwegs, zuerst Bali, dann Singapur, nun Thailand. Man kann sich denken, dass Alltag und Rituale auf Reisen sehr schwierig zu gestalten sind! Ich habe mich im Vorfeld oft gefragt, wie die Kinder damit zurechtkommen werden, wenn es plötzlich keine feste Struktur mehr gibt, sie immer wieder woanders wach werde und ihr Leben sich radikal ändert. Was soll ich sagen? Es ist kein Problem! Ich weiß aber auch, dass es stark vom Charakter des Kindes abhängt. Mein Ältester hätte so eine Reise als Baby niemals mitgemacht, er brauchte geregelte Abläufe und eine gewohnte Umgebung. Mit ihm waren schon zwei Wochen auf dem Campingplatz eine Herausforderung! Nummer zwei war zwar weniger sensibel, doch auch für ihn war der schönste Ort der Welt immer zu Hause und er bekam schnell Heimweh. Das Alter der Kinder spielt ebenfalls eine Rolle. Die Großen sind schon alt genug, um zu verstehen, was für eine einmalige, lebensveränderte Chance sich ihnen bietet. Sie sehen die Reise als ein großes Abenteuer, von dem sie später ihren Freunden und Großeltern berichten können. Der Jüngste ist noch zu klein, um sich der Situation bewusst zu sein. Ich habe einmal gelesen, dass Babys in diesem Alter kein Zeitgefühl haben, dass es keinen Unterschied macht, ob man drei Tage oder drei Monate unterwegs ist. Ich weiß nicht, ob das stimmt, jedenfalls bin ich selbst jeden Tag aufs Neue erstaunt, wie locker er das Umherziehen, die Veränderungen und das Ungeregelte wegsteckt. Solange die ganze Sippe um ihn herum ist, ist er glücklich und zufrieden, wird morgens mit einem Lächeln wach und geht abends erschöpft aber zufrieden ins Bett.

Keine Zeit ist ja so sehr mit traditionellen Bräuchen und Ritualen verbunden wie die Weihnachtszeit, daher ist es schon komisch, dieses Jahr Weihnachten in der Ferne zu verbringen, ohne Verwandtschaft, ohne Tannenbaum und ja, sogar ohne Geschenke! Wie sehr den Kindern das fehlen wird, bleibt abzuwarten. Ich finde, ein Jahr kann man auch ganz gut ohne den Trubel auskommen, wer weiß, vielleicht freut man sich nächstes Jahr umso mehr!

Was die Tagesabläufe während der Reise am meisten von dem Alltag daheim unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir Eltern nicht mehr arbeiten (im klassischen Sinne von ins Büro fahren „9 to 5“) und die Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Wir können also unseren Tagesablauf völlig frei gestalten. Mein Partner muss zwar ein paar Stunden am Tag am PC verbringen, aber wann und wo spielt keine Rolle. Ich hatte zunächst mit den Kindern ausgemacht, dass wir eine Stunde am Tag „Schule machen“, aber von dieser Regel sind wir schon nach einigen Wochen abgewichen. Die Kinder dürfen frei entscheiden, wann sie wie lange für welches Thema lernen wollen. Seit Beginn unserer Reise beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Hausunterricht und Freilernen und arbeite an einer Webseite mit Informationen und Artikeln zu dem Thema, da ich bemerkt habe, auf welch große Resonanz es – vor allem bei reisenden Familien – stößt! Auf der einen Seite ist es ein wunderbares Gefühl, frei und unabhängig zu sein, selbst zu bestimmen, wann was gemacht wird. Auf der anderen Seite ist es nicht unbedingt schlecht, gerade mit Kindern, Struktur in den Tag zu bringen. Die Reise ist in dieser Hinsicht ein Experiment geworden. Ich bin noch nicht zu einem endgültigen Schluss gekommen, ob das freie Lernen sinnvoll ist und welchen Weg wir zukünftig gehen werden. Dies ist keine Entscheidung, die man in einem Moment trifft, sondern eine Entwicklung, die wir gerade als Familie intensiv erleben.

Rituale und Alltag, nein, davon ist momentan gar nichts übriggeblieben, aber ganz ehrlich: Ich freue mich schon wieder darauf – und die Jungs auch, da bin ich sicher! Denn Alltag zu meistern ist eine Herausforderung für jede Familie und schöne Rituale helfen dabei!

 

Wer unsere Reise auf Instagram folgen möchte, kann dies unter @borchbounce gerne tun!

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