Durchschlafen bei Kindern – Wunsch oder Wirklichkeit?

“Schläft Euer Kind schon durch?” Diese Frage ist wohl die am häufigsten vorkommende Frage an Eltern mit Kleinkindern. Was genau bedeutet es eigentlich – durchschlafen? Gibt es ein Geheimrezept oder ist es einfach pures Glück, ob ein Kind friedlich schlummert oder die Nacht zum Tag macht? 

Wie ist das mit dem Schlafbedarf überhaupt?

Säuglinge haben eine Gesamtschlafdauer von ca. 14 -16 Stunden am Tag. Dazu zählen der Nachtschlaf und die Nickerchen am Tag. Mit 6 Monaten kann ein Kind nachts 11 Stunden ohne nächtliche Mahlzeit auskommen. Theorie und Praxis mögen sich hier in vielen Familien unterscheiden. Auch das Thema “Hirnreife” spielt eine wichtige Rolle.
Unsere drei Kinder bspw. haben mit sechs Monaten tatsächlich durchgeschlafen. Abends um acht hingelegt und um sieben gehen die Glubscher wieder auf. Das hat sich bis heute nicht geändert. Natürlich gibt es auch ab und an Nächte, da sahen die Kleinen oder der Große hat einen Albtraum, muss auf die Toilette oder mein Töchterchen hat Pipi gemacht und möchte eine neue Windel. Das ist allerdings die Ausnahme und auch erst so, seitdem sie so langsam aber sicher trocken wird. Stundenlange Wachphasen, weinen oder Hunger in der Nacht, kennen wir dagegen nur aus Erzählungen von Freunden und Bekannten. Ich habe mich gefragt woran das liegt und mich intensiv mit dem Thema “schlafen” beschäftigt.
Die verschiedenen Schlafphasen werden zwischen REM (rapid eye move) und NREM (non rapid eye move) unterschieden. Die so genannten REM Schlafphase ist daran zu erkennen, dass die Augen sich trotz geschlossener Lider stark bewegen, unregelmäßige Atmung und motorischer Unruhe. In der REM Phase träumen Erwachsene und Kinder intensiv. Diese beiden Phasen, aus ruhigem und aktiven Schlaf, wechseln sich bei Säuglingen ca. alle 50 – 65 Minuten und bei Erwachsenen ca. alle 90 – 100 Minuten ab.

Jeder Erwachsene und jedes Kind werden in der Nacht mehrfach wach. 

Wann sprechen wir von einer Schlafstörung?

Die Experten sind sich nicht wirklich einig und haben keine einheitlichen Kriterien definiert. Allerdings gibt es folgende Merkmale, die sich in der Zeit durchgesetzt haben. Von einer Schlafstörung wird ausgegangen, wenn mind. 1 der nachfolgenden Gegebenheiten erfüllt ist:

  • länger als 1 Monat anhaltend
  • nächtliches aufwachen in 5 oder mehr Nächten in der Woche
  • Wachdauer mehr als 20 Minuten/Nacht
  • Weiterschlafen im Elternbett

Nach (Richmann, 1981 – Quelle siehe am Ende), besteht eine so genannte Einschlafstörung, wenn das Kind auch mit elterlicher Einschlafhilfe länger als 30 Minuten benötigt, um einzuschlafen. Auch benötigen schlafgestörte Kinder aktive Hilfe der Eltern, um wieder einschlafen zu können. Meist ist es ein Teufelskreis. Die Kinder sind tagsüber unruhig, weil nicht ausgeschlafen und die Eltern übermüdet und somit genervt.
Die Gründe einer Schlafstörung können vielfältig sein:

  • Temperament des Kindes (hohe Aktivität tagsüber)
  • sehr viele Anregungen und Erlebnisse am Tag, die verarbeitet werden müssen (Stichwort non-stop Gesellschaft)
  • zahnen
  • Krankheiten wie Infekte, Impfung oder Urlaub – veränderte Schlafgegebenheiten
  • Beziehung Eltern zum Kind, Partnerschaftskonflikte, Überforderung, Trennungs- und Verlustängste
  • uvm

Die Gründe sind vielleicht die Erklärung warum die Kinder wach werden. Im Hinterkopf bitte beachten, Jeder wird nachts wach.  Das Kinder dann aber nicht wieder alleine einschlafen können und zu Mama und Papa ins Bett möchten oder weinen, ist nicht nur natürlich, es gibt auch hier Studien, die dafür eine Erklärung liefern. Es ist heraus gekommen, dass Kinder, die beim einschlafen auf Hilfe der Eltern angewiesen sind bspw. durch kuscheln, streicheln, manche Kinder kneifen, tragen, Schnuller oder stillen – auch erst wieder einschlafen, wenn in der Nacht genau diese Situation wieder hergestellt wurde. Sie fühlen sich unwohl und beginnen zu weinen.

 

Ein Fallbeispiel:
Der kleine Hugo ist zwei Jahre alt und schläft jeden Abend ein, wenn Mama ihn ins Bett bringt. Das ist er so gewöhnt, denn Papa ist abends erst von der Arbeit gekommen und hat in der Zeit seine Auszeit. Sein Einschlafritual ist, dass Mama vor dem Bett liegt und die Hand festhält, bis er einschläft. Wenn Papa ihn versucht ins Bett zu bekommen, dann weint er nach Mama, wird wütend oder bekommt einen Trotzanfall. In der Nacht wird Hugo wach. Er verarbeitet den Tag, hat einen Infekt oder andere Gründe. Er tastet nach der Hand von Mama. Es ist dunkel im Zimmer. An der Ecke brennt das Nachtlicht. Mamas Hand ist aber nicht da. Er bekommt Angst. In den meisten Nächten nimmt er seinen Mut zusammen und geht zu Mama und Papa ins Schlafzimmer, stellt sich vor Mamas Bett und wird hinein gehoben. Dort schläft er zufrieden weiter. In anderen Nächten beginnt er zu weinen – bis Mama da ist und wieder seine Hand hält. 
Welches Einschlafritual haben Eure Kinder? Ist das vielleicht das Geheimrezept? Es gibt ein sehr bekanntes Buch, das millionenfach verkauft wurde “Jedes Kind kann schlafen lernen”. Ich selbst habe es nicht gelesen aber sehr viele Rezessionen dazu. Es geht im Kern darum, dass die Kindern nicht mehr aus ihren Betten genommen werden, nur das Nötigste gesprochen wird und wenn sie weinen, dann kurz hinein gehen, zeigen “hier bin ich” und wieder raus. Keine Berührungen! Die Zeitabstände vergrößern und irgendwann schlafen sie alleine ein. Am Anfang aus Erschöpfung durch das weinen. In meinen Augen ist das sehr grausam, basiert aber auf der Theorie mit dem Einschlafritual – nämlich das Kind muss lernen ohne Mama und Papa einzuschlafen.  Das Kind weint aber nicht ohne Grund – die Ängste – Verlustangst, wird einfach komplett ignoriert.

Einschlafen – durchschlafen – erst mit entsprechender Hirnreife

Besonders Babies und Kinder vertiefen und wiederholen Gelerntes im Schlaf. In den unterschiedlichen Schlafphasen werden Bewegungen, Wörter und andere Informationen vom Kurz- in das Langzeitgedächtnis transportiert. Der Tag wird noch einmal durchlebt und je vielfältiger das Wochenangebot für die Kleinen, desto mehr gibt es im Gehirn zu tun.
Die Kinder müssen Vertrauen und Sicherheit erlernen. Die Bindung zu den Eltern aufbauen und so Trennungsängste überwinden zu können. Fremdelphasen gehören zu dieser Entwicklung – das Urvertrauen baut sich langsam auf.  Die so genannte Hirnreife ist zwischen dem 3. und 4. Lebensjahr soweit abgeschlossen, dass Kinder sicher entscheiden können, “ich liege hier in meinem Zimmer, Mama und Papa sind nebenan”.
Dennoch, auch wir Erwachsenen sind an Schlafsituationen gewöhnt und schlafen bspw. schlechter, wenn der Ehemann nicht da ist, wir im Urlaub in einem fremden Bett liegen oder eine Erkältung haben. Genauso geht es unseren Kindern auch. Wir gewöhnen sie an bestimmte Situationen beim einschlafen, erwarten aber das sie in der Nacht dann alleine einfach weiter schlafen.

Die Suche nach dem heiligen “Schlafgraal”

Zurück zu unseren drei Strategen. Mit dem Wissen zum Thema schlafen, kann ich unsere Situation sehr gut erklären. Wir sind nicht jeden Tag unterwegs, meine Kinder laden ihre Freunde gerne nach Hause ein – wir haben einen sehr großen Garten – und ich selbst bin auch nicht übermäßig viel mit ihnen unterwegs. Natürlich gehen sie in den Spielkreis/ Kindergarten, haben hobbies, treffen Oma und Opa oder Spielkameraden. Dennoch, im Vergleich zu manchen Kindern, bekommen sie nicht übermäßig viele Eindrücke.
Unsere Zwillinge haben die Betten noch im Schlafzimmer, der Große in seinem Zimmer. Dennoch schlafen alle drei Kinder bei uns ein. Die twins liegen in ihren Betten, der Große bei uns im Bett. Wir hören “la le lu” und Jeder schläft dann alleine – ohne Händchen halten usw. ein. Die einzige Voraussetzung – Mama oder Papa müssen dableiben. Wenn wir es gut erklären, schlafen sie aber auch alleine ein. Zu 95% sind wir aber da bis sie schlafen. Auch unsere Kinder wachen durch genannte Gründe auf. Die Zwillinge hören dann unseren Atem, schnarchen oder wenn sie unruhig sind, reicht es, wenn wir “Alles gut” sagen. Der Große schläft meist weiter, es sei denn er hat schlecht geträumt, musste zur Toilette und ist richtig wach geworden. Auch er braucht dann seinen “Einschlafzustand” und kommt zu uns ins Bett und schläft sofort weiter. Sie sind diese Art gewöhnt und schlafen in der Regel auch durch.

Tipps & Anregungen für die eigenen Kinder

Kinder benötigen Kuscheleinheiten, Trost beim weinen und sollten niemals ignoriert werden. Ich erachte das Buch als völlig daneben und würde es persönlich nicht einmal versuchen. Kinder weinen nicht ohne Grund. Auch wenn sie nicht einschlafen können – siehe Blogbeitrag – steht dahinter immer ein ernstzunehmendes Bedürfnis.
Welche Maßnahmen können Eltern also einleiten:
Analyse des Einschlafrituales. Welche Schritte passieren wann? Kann mein Kind nicht bei Papa einschlafen, weil ich es selbst daran gewöhnt habe, dass es nur bei mir mit Händchen halten einschläft?
Akzeptanz: Jedes Kind ist genau so, wie wir es erzogen haben, mit den Eigenschaften die wir tagtäglich vorleben und eben auch mit den Gewohnheiten, die wir ihm beigebracht haben. Finde ich es gut, eng zusammen gekuschelt einzuschlafen oder das Händchen zu halten? Wenn ja, dann muss mir einfach bewusst werden – mein Kind kann wenn es wach wird noch nicht umschalten und alleine einschlafen – es braucht mich genauso wieder, wie am Abend zuvor.
Ersatz schaffen: Unsere Kinder haben Alle ein Lieblingskuscheltier. Ihren Seelentröster, den sie auch im Schlaf suchen und für ihre persönliche Sicherheitszone benötigen. Möchtet ihr das Einschlafritual ändern, dann sollte ein Ersatz zur Hand, stillen usw. geschaffen werden.
Familienbett: Es gibt solche und solche Studien. Die einen sagen, die Kinder und auch Eltern schlafen viel unruhiger. Ich kenne aber auch Familien die sagen, wir schlafen Alle wunderbar und die Kinder fühlen sich sicher und geborgen.
Papa machen lassen: Wenn das Kind es gewöhnt ist, dass Mama es ins Bett bringt, dann hat es der Papa erstmal sehr schwer. Er muss seine eigene Art finden, zunächst das weinen und den Trotz aushalten und durch geschicktes ablenken die Aufmerksamkeit bekommen. Durchhalten ist auch für die Mama gefragt, denn “machen lassen” ist nicht einfach aber auch den Kindern tut es gut, wenn Papa abends die Geschichte liest oder noch Quatsch macht.
Weniger tägliche Reize: Wenn der Terminplan voll ist, lohnt es sich auch zu überlegen, einfach mal eine Woche weniger zu unternehmen und zu Hause zu bleiben. Interessant ob sich das Schlafverhalten dann auch ändert.
Satt ins Bett: Es gibt immer wieder Eltern, die wechseln nachts von PRE auf 1er Milch (haben wir auch so gemacht), damit das Kind schön satt ist. Aus der Studie wissen wir aber das ein Kind mit 6 Monaten nicht unbedingt Hunger hat. Vielleicht schläft es mit der Flasche ein? Benötigt sie also auch beim aufwachen? Wir haben bspw. immer eine auslaufsichere Flasche im Bett und unsere Kinder trinken dann Nachts auch. Auch beim einschlafen übrigens – wir sind also das beste Beispiel. Mit der Zeit und der Hirnreife, wachen die Kinder nicht mehr so schnell auf und auch die Flasche wird dann weniger verlangt.
Verständnis und Akzeptanz der Situation helfen schon, entspannter und ruhiger mit der Gesamtsituation umzugehen. Das wirkt sich auch positiv auf die Kinder aus. Ich versuche immer daran zu denken, die Kinder provozieren mich nicht absichtlich und ich selbst habe die Gewohnheit geschaffen. Mir persönlich hilft das sehr.

Quellen:

EIN- UND DURCHSCHLAFSTÖRUNGEN IN DEN ERSTEN ZWEI LEBENSJAHREN:
Aus dem Institut für Soziale Pädiatrie und Jugendmedizin der Universität München Vorstand:Prof. Dr. med. Dr. h.c. Hubertus von Voß – link
Schlafverhalten, Hirnreife und Akzeptanz – High Need Babies
Wenn Kinder immer wieder aufstehen - Wie sollten Eltern reagieren und was steckt dahinter? Wenn Kinder nicht zur Ruhe kommen.
Nini
Bloggerin
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