Gastbeitrag zum Thema Freilerner in Österreich – Wir gehen nicht in die Schule

Ich freue mich, heute einen Gastbeitrag zum Thema Freilerner veröffentlichen zu dürfen. Weitere Informationen über die Situation in Deutschland, findet ihr in meinem Blogartikel: “Freilerner – Was ist das eigentlich?

Heute möchten wir einen Exkurs nach Österreich machen und einen Einblick geben, wie das Schulsystem dort funktioniert. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Dir Sabrina,  für diesen Gastbeitrag!
Wer die Familie auch weiterhin begleiten möchte, ihr findet sie auf Instagram unter:

www.instagram.com/austromum


Gastbeitrag “Unsere Fernlernreise in Österreich”

von Sabrina/@austromum

Alle Belehrung geht vom Herzen aus, alle Bildung vom Leben. – Friedrich Hebbel

Wie glücklich ist in diesem Sinne Jeder, der seinen Lebensweg in Freiheit begehen kann! So habe ich auch bei der Geburt meines ersten Kindes überlegt, wie wohl sein Leben verlaufen wird. Und zu unserem Glück stellte sich im Laufe der Zeit heraus, dass wir es unseren Kindern ermöglichen können, sich in ihrem eigenen Tempo und nach eigenen Interessen zu entfalten, anstatt die “Betreuung” in die Hände der Institutionen zu geben und sie von klein auf fügsam werden zu lassen.

Der Schritt ist in unserem schönen Land Österreich sehr gut möglich aber nicht einfach. Erschwert wird er unter anderem durch Entwicklungen in den letzten Jahren, mit denen die Politik die Kinder in die Kindergärten zwingen will. Alle sollen beim Schulstart die gleichen Chancen haben, ist die Überlegung, und Bildung soll gewährleistet werden. Zum Glück wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird – doch das Schlagwort “Kindergartenpflicht” geistert durch die Köpfe aller Passanten, die mich verwundert fragen, wie ich denn meine Kinder zuhause haben kann unter den neuen Bestimmungen.

Denn diese “Pflicht” ist wie die konsequent falsch wahrgenommene “Schulpflicht” zu verstehen und ist eigentlich bloß eine Pflicht zur Bildung. Es ist eine Sache eines einzigen Formulares, um eine Ausnahmemöglichkeit zur “Kindergartenpflicht” zu erwirken – nämlich den Punkt “Mein Kind wird zuhause erzogen.” Die ganze “Pflicht” wird somit zur Farce, sobald man sich Mühe genug gibt, einen kleinen Anhang beizulegen, wie man sein Kind zu fördern gedenkt. (Auf der anderen Seite ist die Pflicht vermutlich jedoch genau für jene Familien gedacht, die dazu nicht fähig oder willens sind.)

Die Kindergartenbildung wird also im Voraus überprüft. Bei der schulischen Bildung verhält es sich anders: Auch hier gibt es bloß eine Bildungspflicht, die sich am Lehrplan orientiert, und am Ende jedes Schuljahres überprüft wird. Jedes Kind kann vom Schulunterricht ab- und zur häuslichen Bildung angemeldet werden, solange es jedes Jahr über das erworbene Wissen positiv geprüft wird. Stellt sich jedoch heraus, dass das Kind nicht genug Wissen mitbekommen hat, fällt es also durch die Prüfung, ist die Berechtigung zum “häuslichen Unterricht” dauerhaft entzogen, und das Kind muss fortan eine Schule mit Öffentlichkeitsrecht besuchen.

In meinen Augen bietet das österreichische System die größtmögliche Freiheit, seine Kinder selbst zu bilden und frei mit der Welt vertraut werden zu lassen, während der Staat gleichzeitig in seiner Funktion als Verwaltungsorgan dafür Sorge tragen kann, dass keinem Kind sein Recht auf Bildung durch desinteressierte Eltern verweigert wird.

Denn – um ehrlich zu sein: Die Anforderungen der Prüfung sind minimal. Natürlich habe ich in meinen Recherchen zur Möglichkeit unseres gewünschten Lebensplanes die Lehrpläne durchforstet, um festzustellen, ob es uns wohl möglich ist, die geforderten Fertigkeiten zu vermitteln. Es stellte sich heraus, dass mein Sohn einen Groflteil des geforderten Wissens bereits besitzt – zu diesem Zeitpunkt war er gerade einmal vier Jahre alt. Hat man sein Kind den ganzen Tag um sich, geht man liebend auf seine Interessen und Wünsche ein, ist es praktisch unmöglich, das vom Staat verlangte Minimalwissen NICHT zu vermitteln.

Tatsächlich haben die wenigen Fälle, von denen ich hörte, die die Prüfung nicht bestanden hatten, mehr mit den Prüfungsmodalitäten selbst zu tun. Unsere Familie ist urban, durch eine größere Anzahl von Kindern notgedrungen stärker reglementiert und uns ist Wissen und Bildung so wichtig, dass wir manche Themen aktiv verfolgen und vermitteln. Andere Familien bewegen sich alternativer oder freier und möchten ihr Kind sich ganz von selbst entfalten lassen – was im Rahmen einer nicht ganz stressfreien Prüfungssituation zu Konflikten führen könnte. Zudem, so erzählt man sich, seien manche Prüfer skeptisch, ob der Lebensentwürfe der Externisten und achteten ganz besonders darauf, ob die Kinder auch “richtig sozialisiert” sind, was sich an Auftreten und anderen Äußerlichkeiten bemerkbar machen soll. Die Vorurteile der Lehrerschaft gegen¸ber jenen Familien, die sich vom System Schule fernhalten möchten, sind in dieser Hinsicht sehr konkret.

Umso beruhigter bin ich, so unglücklich diese Rahmenbedingungen auch sein mögen, angesichts der Tatsache, dass diese Schwierigkeiten auf unsere Familie nicht zutreffen. Ich muss sogar gestehen, dass wir eigentlich auf keinste Weise alternativ sind. Deshalb bin ich mehr als verwundert, dass das Freilernen – oder, sagen wir, der Heimunterricht in breiterer Form – nicht von viel mehr Familien praktiziert wird! Natürlich bin ich manchmal abends müde, nachdem ich meine vier Kinder den ganzen Tag um mich hatte, einen Ausflug hinter mir habe und auch noch versuchte, sie alle einzeln zusätzlich zu bilden. (Vom Haushalt ganz zu schweigen.) Doch wenn ich all die Probleme anderer Familien sind, die nicht nur die Sorge um ihre Kinder, sondern auch noch die Auseinandersetzung mit solch rigiden und energiegeladenen Institutionen in ihremm Alltag haben – oft noch gepaart mit eigener Berufstätigkeit! – so bin ich mehr als dankbar, das Heranwachsen meiner Kinder miterleben und begleiten zu dürfen.

Ein Punkt sei erwähnt: Dass ein Elternteil zuhause bleibt und nichts verdient, muss man sich erst einmal leisten können. Wir haben bisher das Glück, für all unsere Kinder jeweils Kinderbetreuungsgeld bezogen zu haben, das aber leider auf wenige Jahre begrenzt ist. Auch sollte man in Betracht ziehen, dass eine gute Schule ein eigener, nicht geringer Kostenpunkt im Familienbudget wird (besonders bei mehreren Kindern). Und, seien wir ehrlich: Wenn es um Möglichkeiten und Qualität der Bildung geht, die im Heimunterricht erreicht werden kann, wird eine äquivalente Schule sehr teuer. Nichtsdestotrotz leben wir sehr sparsam. Kleider sind meist gebraucht gekauft oder geschenkt, unser Essen ist grundlegend und wird selbst gekocht (zum Glück hat man als Hausfrau auch dazu Zeit), und Geräte und Technologie beschränken sich auf das Notwendigste. Zum Glück leben wir jedoch in einer Zeit, in der für das Lernen nützliche Ressourcen in mannigfaltiger Ausführung vollkommen kostenlos zu finden sind. Von diesem Angebot nicht Gebrauch zu machen, wäre geradezu töricht. Und ein einfaches, bescheidenes Leben sorgt auch in vielen anderen Bereichen für Zufriedenheit und trägt zur Charakterbildung der Kinder bei, die gerade bei gewöhnlicher Bildung gerne viel zu kurz kommt.

Ich selbst habe in meiner Kindheit das Gegenteil erlebt: Als Einzelkind habe ich die meiste Zeit meiner Kindheit in Ganztagsschulen – bzw. -Kindergärten – verbracht. Zweifellos war es eine gute Schule, die sich diesen Ruf auch bezahlen ließ, aber ein Mehrwert hat sich für mich nicht aufgetan. Die einzige Zeit, die ich lerntechnisch positiv in Erinnerung hatte, war die sogenannte “Begabtenförderung” in der Grundschule, in der drei andere Schüler und ich stundenweise aus den Grundfächern (die wir ohnehin beherrschten) herausgenommen wurden, um dann mit einer Betreuerin frei unterschiedliche interessante wissenschaftliche Themen zu betrachten. Dinge, von denen das Homeschooling permanent lebt. Da wird so viel in Schulen investiert, damit die Schule besser ist als gewöhnliche Schulen, nur damit es darauf hinausläuft, dass (ausgewählte! – das heiflt vermutlich, von engagierten Eltern vertretene) Kinder wieder vom Unterricht entfernt werden und selbst lernen dürfen… Was die Unterstufe betrifft, blieb der Schulstoff am nachhaltigsten bei Unterrichtsfilmen hängen. Zu meinem großen Glück hatte ich Eltern, denen mein schulischer Erfolg nicht sonderlich wichtig war – bei meinem Mann war es anders, was darin resultierte, dass ihm das Lesen und Lernen nachhaltig vergröllt wurde und er erst Jahre später wieder dazu fand, aus eigenem Antrieb Wissen zu sammeln. Ich bin so dankbar, dass die Neugierde und Interesse meiner Kinder nicht durch Institutionalisierung verstellt werden muss!

Den Alltag unserer Familie zwischen Heimunterricht, Forschungen, Abenteuer, Ausflügen, Kleinkinderpflege und Haushalt kann man auf meinem Instagram-Microblog @austromum verfolgen. Ich würde mich freuen, von euch zu hören! 🙂

Ganz herzlichen Dank!

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