“Eine geheime ICSI” Künstliche Befruchtung – Interview

Julia ist Mama von Zwillingen. Die babies (heute 3 Monate), sind per künstliche Befruchtung entstanden und Niemand hat davon erfahren. Julia hat mir ihre spannende Geschichte erzählt. Ganz lieben Dank Julia, für Deine offenen Worte. 

INTERVIEW

Bitte beschreibe kurz Deine Familie. Was tust Du beruflich, wer gehört zur Familie, wie ist euer Lebensstil bzw. – einstellung?

Wir sind eine vierköpfige Familie. Mein Mann, meine beiden Kinder und ich. Wir wohnen gemeinsam mit meinen Schwiegereltern auf einem Grundstück. Wir haben jedoch zwei einzelne Häuser. Ich bin gelernte Bankkauffrau. Mein Mann ist selbstständig. Ich mache noch die ganze Buchführung für seine Firma. Wir sind eine bodenständige Familie die keinen großen wert auf Luxus legen. Für die Kinder jedoch schon! 😉 einmal im Jahr gönnen wir uns eine Woche Urlaub auf den Kanaren.

Was bedeutet für Dich Familie?

Familie wird bei uns groß geschrieben. Bis auf die Schwester meines Mannes wohnen alle in der näheren Umgebung. So sind Treffen jederzeit möglich, was uns sehr wichtig ist. Wir helfen uns Alle gegenseitig. Sollte Jemand Hilfe benötigen, so badarf es einen Anruf und die Hilfe kommt sofort.

Eure Zwillinge sind durch künstliche Befruchtung entstanden. Magst Du uns ein paar Infos dazu geben bspw. welches Verfahren, Ablauf etc.

Es fing im Herbst 2016 an. Wir fuhren nach Hamburg in eine Kinderwunschklinik. Nach mehreren Untersuchungen wollten wir eine Insemination machen. Mitte Dezember begann ich mit der Medikamenten -einnahme. Mir ging es dabei nicht so gut, so dass ich krankgeschrieben wurde. Ich hatte Schüttelfrost und starke Stimmungsschwankungen. Mein Mann tat mir echt leid… 
Kurz vor Weihnachten war es dann soweit, wir fuhren nach hh. Mein Mann „gab sein Sperma ab“, welches aufbereitet werden sollte. Die Qualität war jedoch nicht sonderlich gut, so dass der Versuch abgebrochen wurde. Völlig enttäuscht und deprimiert sind wir wieder nach Hause gefahren. Schweigend.
Durch diese Enttäuschung warteten wir mit einem neuen Termin. Wir hatten Angst vor dem was kommt. Im Juli (2017) machte ich dann einen neuen Termin um zu besprechen, wie Alles weiter geht. Nach langen Gesprächen, gab es nur noch die Möglichkeit einer icsi. Ich hatte Angst. Habe es mir aber nicht anmerken lassen. Selbst gegenüber meinem Mann habe ich das nicht gesagt. Ich wollte stark sein und ihn nicht noch mehr sorgen bereiten. Er war eh schon depri, da er die „Ursache“ war. Am 26. August begann ich mit den Spritzen. Puh, das war nicht einfach. Die Ersten gab mir mein Mann. Dann kam der Abend, er war nicht da. Ich musste selber ran. Zitternd saß ich auf dem Sofa. Spritze in der Hand, Tränen in den Augen. Ich habe bestimmt ne halbe Stunde so gesessen, bis ich mich überwunden hatte und mir die Spritze „in den Bauch rammte“. Alle folgenden Spritzen gingen mir wie von selbst aus der Hand. Im 3 Tages rythmus fuhr ich zur Kontrolle nach Hamburg. Ob die Eizellen gut wuchsen. Ab dem 28. August war ich erstmal für 1,5 Wochen krankheschrieben. Von meiner Hausärztin, da ich Blutdruckprobleme hatte. 90/65 ist dann doch zu wenig gewesen.
Am 7.9. war es dann soweit. Es stand die Punktion an. Mein Mann und ich fuhren wieder zusammen nach Hamburg. Vor dem op-Bereich verabschiedeten wir uns. Er ging in das „Spermazimmer“ ich in den op Vorbereitungsraum. Ich hatte warnsinnige Angst. Es war meine erste Narkose. Mit 26! Ich wollte abbrechen. Abhauen… nach einer gefühlten Ewigkeit (10 minuten) wurde ich in den op gebracht. Ich wurde kurz vorbereitet und zack war ich weg. Nach 15 Minuten war ich wieder wach im Aufwachraum. Nach 45 Minuten gabs nochmal ne kurze Nachuntersuchung. 10 Eizellen konnten entnommen werden. Anschließend durfte ich wieder zu meinem Mann und wir fuhren nach Hause. Mir ging es gut. Hatte keine Nebenwirkungen oder Schmerzen. Am nächsten Tag rief ich im Labor an. 7 Eizellen konnten befruchtet werden. Puh. Das hat schmal geklappt! Da wir eine verlängerte Kultur wollten, sollte der Transfer am 12.9. stattfinden. Am Morgen des 12.9. rief ich nochmal im Labor an, ob Eizellen „überlebt“ haben. Es gab noch zwei super Blastos. Ich fuhr nach Hamburg. Mein Mann konnte wegen der Arbeit leider nicht mit. Ich war aufgeregt als ich in den op Bereich gerufen wurde. Der Professor der Klinik hatte den Tag „op tag“ und sollte den Tranfser machen. Er wollte mir eine Blastozyste einsetzen. Mein Mann und ich hatten aber vorher besprochen, das wir Alles auf eine Karte setzen und Beide einsetzen lassen wollten. Er wollte diskutieren. Ich war jung, hohe Chancen, Risiko auf Mehrlinge, Frühgeburt, bla bla bla. Ich wollte zwei. Punkt. Er rief unseren behandelnden Arzt an. Auch er wollte diskutieren. Ich will Beide. Punkt. Also wurden Beide eingesetzt. Nochmal nen Ultraschall und ich durfte gehen. Zum Schwangerschaftstest brauchte ich nicht wieder kommen, da wir weit weg wohnten. Meine Gyn vor ort durfte Dies übernehmen.
Am 17.9. machte ich schonmal nen Schwangerschaftstest. Positiv! überglücklich. Mann aber nicht zuhause. Puh. In der nächsten Nacht machte ich nochmal ein. Immer noch positiv! Morgens lief ich mit echt guter Laune durchs Haus. Das kennt mein Mann nicht von mir. Ich bin totaler Morgenmuffel! Er fragte was los sei! Nichts! Er wollte nicht das ich nen Test mache. Er fragte nochmal. Wir sind schwanger!!! Er war ziemlich verhalten. Er wollte sich nicht zu früh freuen. Er wollte nicht enttäuscht werden. Am 26. folgte der Test beim gyn. Am nächsten Tag erhielt ich das Ergebnis! Hcg war 1792! Für den Zeitpunkt ziemlich hoch. Verdacht auf Mehrlinge wurde geäußert. Ich behielt es für mich, also den Verdacht… Am 11.10. folgte der erste Ultraschall. Ich unterbrach meine Arbeit und fuhr zur Gyn. Zwei Fruchthüllen mit Embryo waren zu sehen. 0,41 und 0,52cm! Zwillinge. Ich war happy. Im Auto aufm Weg zur Arbeit rief ich meinen Mann an. Er ging ran und ohne das ich was sagen konnte fragte er und? Wie ist es gelaufen?! Schatz es sind zwei. Ruhe. Schön. Seine Stimme zitterte. Er freute sich. Wir schaffen das. Kurz bevor ich wieder auf der Arbeit war, beendeten wir das Gespräch.
Wir waren unendlich glücklich!
Wir hatten es geschafft.
Wir mussten nir hoffen, dass es so bleibt.

Wie habt ihr es aufgenommen, dass ihr medizinische Hilfe beim Kinder kriegen benötigt? Welche Gefühle hat es in Euch ausgelöst?

Ich habe es eigentlich relativ gut aufgenommen. Klar war es erstmal ein komisches Gefühl, aber ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass wir es nicht schaffen. Mein Mann fiel es deutlich schwerer. Er hat an sich gezweifelt. Wir wissen es seit Herbst 2015 das wir Hilfe benötigen. Im Frühjahr 2016 waren wir zur ersten Besprechung in hh. Im Juni dann geheiratet und im Herbst 2016 mit Allem gestartet.
Zwischendurch hat es echt gekrieselt. Mein Mann hatte echt Probleme damit, dass er Schuld daran ist, dass es mir durch die Medikamente teilweise echt scheiße ging. Er redete von Trennung aber ich stand immer hinter ihm und habe ihm immer gesagt das ich ihn liebe und nicht seine Fruchtbarkeit! Wir schaffen das zusammen!

Habt ihr offen über das Thema gesprochen? Wer wurde eingeweiht?

Wir haben mit Niemanden darüber geredet, dass wir Hilfe brauchten.

Warum habt ihr es geheim gehalten? Welche Beweggründe gibt es?

Wir wollten zu Anfang erstmal alle Diagnosen abwarten, bevor wir es Jemanden sagen. Doch dann haben wir „den Absprung“ verpasst, es zu sagen. Daher weis es bis jetzt Niemand, dass sie „nicht normal entstanden“ sind. Hätte unser erste icsi Versuch nicht geklappt, so hätten wir es bestimmt unserem näheren Umfeld erzählt, da es immer sehr schwierig war „unbemerkt“ weg zufahren. Wir waren ja manchmal nen ganzen Tag unterwegs. Und das mehrmals die Woche! Schwierig das Alles unbemerkt zu machen, wenn man mit den Schwiegereltern auf einem Hof wohnt!

Wie denkst Du persönlich über das Thema?

Mittlerweile habe ich keine Angst mehr vor dem Thema. Es gibt immer mehr Leute, die auf „Hilfe“ angewiesen sind. Erst wenn man selber betroffen ist, erfährt man wie viele Leute ausm Bekanntenkreis Hilfe benötigten/benötigen.

Wie viele Behandlungen habt ihr benötigt? Was war das Schwierigste auf dem Weg zum Wunschkind?

Wir haben eine Insemination abgebrochen. Die erste icsi hat dann sofort geklappt.
Das Schlimmste für mich war die ganze Hormontherapie. Dabei ging es mir wirklich nicht gut. Und natürlich die Wartezeit zwischen Transfer und Test. Da war ich echt nervös…

Wie habt ihr Euch gefühlt als ihr erfahren habt, dass ihr Zwillinge bekommt?

Zu Anfang habe ich mich sehr sehr doll gefreut. Es war immer mein Traum Zwillinge zubekommen. Als junges Mädchen habe ich das schon immer gesagt, das ich mir Zwillinge wünsche! Von daher war die Freude wirklich sehr doll. Aber dann so noch nen paar Wochen, kamen dann die Zweifel… schaffe ich Alles, bin ich ne gute Mutter…, wie wird das mit zwei…, usw…. aber dann folgte wieder die Freude… ich denke auch mit einem Kind wären diese Zweifel zwischendurch dagewesen!

Wie würde eure Familie reagieren, wenn sie es rausbekommen würde?

Das ist schwierig zu sagen. Aber ich denke das sie trotzdem voll und ganz hinter uns stehen. Ich denke auch, dass sie uns verstehen, warum wir es nicht gesagt haben.

Wollt ihr es euren Kindern irgendwann erzählen?

Das weis ich nicht. Da müssen wir die Zeit abwarten! Wenn wir es erzählen, aber erst wenn die beiden Teenager sind!

Möchtet ihr weitere Kinder?

Wir wollten immer zwei Kinder. Also war die Familienplanung abgeschlossen, als wir erfahren haben, das es Zwillinge werden.
Mittlerweile nach 3 Monaten, würde mein Mann doch gern noch ein Kind. Ganz abgeneigt bin ich nicht. Wir möchten aber definitiv nicht nochmal ne icsi machen. Wir werden einfach nicht verhüten und wenn es dann doch irgendwann auf natürlichen Wege klappen sollte, dann klappt es… ansonsten sind wir auch zu viert super glücklich!

Wie ist der Alltag mit Zwillingen?Wie sieht Euer Tagesablauf aus?

Wir haben zwei wirklich super liebe und (noch) pflegeleichte Kinder. Die Kinder und ich stehen zwischen 8 und 9 Uhr auf. Dann gibts Raubtierfütterung. Anschließend mache ich mich fertig und wir gehen raus. Kurzer Spaziergang, was wir mit einkaufen verbinden. Dabei schlafen die kids wieder ein. Anschließend wird gekocht. Kurz vorm Mittag werden die kids abgefüttert und ins Bettchen gebracht. Da wir Landwirtschaft haben, folgt das gemeinsame Mittagessen mit den Schwiegereltern und unserem Angestellten. Dann ist bis etwa 15 Uhr mittagspause. Ab und zu schlafe ich auch richtig ein! Dann gibts wieder nen Fläschchen und je nach Wetterlage (wenn es nicht so mega heiß ist) folgt ein langer Spaziergang. Ansonsten bleiben wir im kühlen Haus und spielen. Zwischen 5 und halb 6, beginne ich, die Kinder wieder bettfertig zu machen. Füttern, baden/duschen und umziehen. So das sie spätestens 19 Uhr schlafen. Anschließend mache ich meinen Haushalt. Sprich putzen… bei heißen Wetter wecken wir die Kleinen nochmal zwischen 21 und 22 Uhr, damit sie genug Flüssigkeit zu sich nehmen. Anschließend schlafen sie wieder bis etwa 5 Uhr!

Wie funktioniert das Zusammenleben mit Oma und Opa unter einem Dach? Wie sieht das Zusammenleben aus?

Wir wohnen nicht direkt unter einem Dach. Wir haben zwei einzelne Häuser auf einem Grundstück. Wir sehen uns aber täglich und essen zusammen Mittag.
Manchmal ist es nicht einfach mit meiner Schwiegermutter. Gerade wenn wir kurz vorm Mittagessen sind, und die Kinder schlafen sollen, werden sie gern von ihr wachgehalten/oder geweckt. Bekomme da innerlich die Krätze! Weil ich dann das Ende kenne! Ich bin die Dumme, die nicht in Ruhe essen kann und mein Essen verschlinge, damit ich mich um die kids kümmern kann. Habe mir mittlerweile angewöhnt, die kids Mittags ins Laufgitter zu legen und nur das babyphone mit zu meinen Schwiegereltern nehme. Klappt echt besser.
Ich denke, dass es noch schwierig wird mit meiner Schwiegermutter, da sie jetzt schon manchmal meine Regeln nicht anerkennt. Ich bin halt mit meinen Schlafenszeiten für den Mittagsschlaf und die Zubettgehzeit wirklich kleinlich. Aber sie meint immer, nein und das müssen sie nicht, immer gehts nach meinem Willen, sie können doch noch, ist so warm, bla bla, bla. Das kotzt mich manchmal echt an. Ich bin aber der Meinung, je eher ich die kids an Zeiten/Regeln gewöhne, desto besser klappt es später. Ich denke das ich (wenn die Kinder größer sind), wegen soetwas nochmal tierisch mit ihr aneinander geraten werde, denn ich möchte nicht das sie in meinen Regeln vor den Kindern reinredet.

Erzieht ihr Eure Kinder eher ungezogen oder mit Regeln und Strukturen? Passt das mit der Vorstellung von Oma und Opa?

Da unsere kids erst 13 Wochen alt sind, haben wir in dem sinne keine Erziehung. Es gibt zur zeit nur klare Regeln beim Mittagsschlaf und wann es abends zu Bett geht. Das ziehe ich auch komplett durch!
Für später haben mein Mann und ich auch klare Vorstellungen. Weder laissez-faire noch autoritär. Wir möchten gern eine gesunde Mischung aus allem. Klare Regeln, die auch mal durchbrochen werden dürfen. Da wir in unserer näheren Familie beide Erziehungsstile haben und beide nicht gut heißen. Egal wie wir erziehen, mein Mann und ich stehen gemeinsam hinter dem, was gesagt wurde. Meinungsverschiedenheiten werden wir niemals vor den Kindern klären, denn das untergräbt die Autorität eines Elternteils!  Was für uns persönlich ein no go ist.

Welche Zukunftspläne habt ihr?

Direkte Pläne für die Zukunft haben wir nicht, da wir bereits Alles geschafft haben, was wir erreichen wollten. Wir haben zwei gesunde Kinder. Haben einen zukunftsfähigen Betrieb und vor allem uns!

Wie definierst Du Glück?

Glück ist ein schwer definierbarer Begriff für mich. Ich bin glücklich, einen so tollen Mann und zwei super tolle Kinder haben zu dürfen. Ist Glück, eine tolle Familie haben zu dürfen?! Oder ist es Zufall?! Ich weiß es nicht!

Kurze Erklärungen: 

ICSI – Intrazytoplasmatische Spermieninjektion: Die Eizellen werden direkt in der Petrischale von einem Biologen befruchtet. Dazu werden die Spermien aufbereitet und genau 1 Spermium wird in die Eizelle injiziert. Danach folgt eine Hormonstimulation der Eierstöcke, um möglichst viele Eizellen heran wachsen zu lassen. Im natürlichen Zyklus der Frau, reift genau eine Eizelle monatlich. Die herangereiften Eizellen, werden in einer so genannten Punktion (meist in Narkose) entnommen. Danach findet die Befruchtung im Labor statt. Eine Kultivierung kann bis max. 5 Tage nach Entnahme erfolgen, da ab dann das Embryonenschutzgestz gilt. Danach erfolgt (ohne Narkose) der Transfer. Mittels Katheter werden ein bis zwei beruchtete Eizellen zurück gegeben. Die Erfolgschancen einer icsi liegen bei ca. 35%. Eine interessante Seite zu dem Thema: www.wunschkinder.net

Blastozyste: Entwicklungstag 5 nach Befruchtung der Eizelle. Die Zellteilung ist soweit voran geschritten, dass von einem Frühstadium eines Embryos gesprochen wird. 

Insemination: Im Kinderwunschcentrum, wird das Sperma des Mannes aufbereitet und zum Eisprung mittels eines Katheters, direkt der Frau in die Gebärmutter gespült. 

Mamazeiten

Mama von drei Kindern - Zwillingen - und Wuffel

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