Geschlechtsneutrale Erziehung – Jungs in rosa Kleidchen

Seit ich meinen Blog schreibe, stoße ich immer wieder auf interessante Themen, die mich selbst auch oft zum nachdenken bringen. Heute möchte ich genau so ein Thema vorstellen – geschlechtsneutrale Erziehung.

Ich selbst habe zwei Jungs und ein Mädchen. Je älter Mausi wird, desto öfter fällt mir auf, dass Mädchen oft auch in die typische Rolle gebracht werden. “Komm wir backen einen Kuchen”. Bei den Jungs heißt es “Komm wir bauen eine Ritterburg”. Oder ein anderes Beispiel: “Wo ist den deine Püppi? Die hat bestimmt Hunger? Wir kochen ihr eine schöne Suppe.” Bei den Jungs eher “Wollen wir Auto spielen? Da muss die Polizei kommen, ein Unfall.”
Mir persönlich ist es aufgefallen und ich selbst habe schon immer ein wenig darauf geachtet, meiner Kleinen die Welt offen zu halten und nicht direkt in die Staubsauger, Küche und Puppenrichtung zu bringen. Letztens habe ich dann einen Artikel gelesen, da leben Eltern es und praktizieren geschlechtsneutrale Erziehung. Weder Freunde noch Verwandte wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. “Es” trägt mal Kleidchen und mal nicht. Das hat mich total fasziniert aber war natürlich auch fremd.

“Wissenschaftler sind sich einig, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ein komplexes Zusammenspiel von genetischer Veranlagung und den Einflüssen unserer Umwelt sind.” Quelle

In Schweden hat eine Grundschule auf sich aufmerksam gemacht. Die Vorschule “Egalia” ist eine der ersten Vorschulen, in der die Erzieher/innen nicht mit “er” oder “sie” ansprechen, sondern einen geschlechtsneutralen Kunstbegriff “hen” verwendet. Alle Spielsachen sind geschlechtsneutral, Märchen die bestimmte Klischees enthalten werden nicht vorgelesen usw.. In schwedischen Kindergärten wird es schon oft gehandhabt, dass die Kinder geschlechtsneutral behandelt werden. Zu Grunde liegt eine Studie, die durch Filmaufnahmen zeigt, dass Erzieher/innen Jungen und Mädchen unterschiedlich behandeln. Jungen bekommen mehr Aufmerksamkeit und mehr Freiräumeals Mädchen. Aus diesen Erkenntnissen ist die Idee für “Egalia” entstanden und weltweit bekannt geworden. (Quelle)
In der bekannten Studie aus “Uppsala” sind die Ergebnisse herausgekommen, dass es weniger Vorurteile und weniger Ausgrenzung unter den Kindern gibt, wenn sie geschlechtsneutrale Vorschulen besucht haben. Jungen ist es nicht so wichtig mit anderen Jungen zu spielen – die Geschlechter haben keine größere Bedeutung. Da die Schulform noch sehr selten ist, müssen lt. Studie weitere Untersuchungen zum Thema durchgeführt werden.
Shutts, K., Kenward, B., Falk, H., Ivegran, A. & Fawcett, C. (2017). Early preschool environments and gender: Effects of gender pedagogy in Sweden. Journal of Experimental Child Psychology, 162, 1–17.

Kritische Betrachtung geschlechtsneutrale Erziehung

Selbst wenn Eltern ihre Kinder geschlechtsneutral erziehen möchten oder darauf achten, Studien haben gezeigt, dass Eltern unterbewusst unterschiedlich mit Söhnen oder Töchtern umgehen. Mit Mädchen wird tendenziell mehr gesprochen, Jungs mehr zugetraut usw.. Ich selbst kann es bestätigen. Den Jungs werden teilweise andere Eigenarten zugesprochen oder wenn sie wilder sind, denken wir “Das sind eben Jungs.” Läuft die Kleine kreischend durch den Garten “Was ist denn mit ihr los?”
Wie oben bereits erwähnt, die Gene spielen auch eine Rolle. Meine Tochter orientiert sich sehr stark an mir. Malt Mama sich die Fingernägel an, möchte sie das auch. Sie findet rosa und Glitzer super und kümmert sich rührend um ihre Babypuppe oder kämmt der Barbie die Haare. Das habe ich ihr nie gezeigt und kommt aus dem tiefsten Inneren. Ihr Zwillingsbruder möchte auch die Fingernägel angemalt bekommen. Im ersten Moment habe ich gedacht “Rede ich ihm das jetzt aus?” und dann habe ich mich entschieden, wenn er es möchte – bitte. Nach einem Nagel war für ihn dann auch gut. Zum Vergleich, das Töchterchen möchte bitte Alle und die Fußnägel mit dazu.
Je strikter die Rollenverteilung im Elternhaus (Mama macht Alles drin und kocht und backt und Papa den Garten, repariert das Auto usw..), desto mehr nehmen unsere Kinder davon auch an. Die Kinder sehen uns als Vorbilder. Wenn also unsere Kinder Verhaltensweisen an den Tag legen, die wir nicht gutheissen – dann ist die einzige und richtige Maßnahme dagegen – der Blick in den Spiegel.

Kinder spiegeln uns jeden Tag das eigene Verhalten wieder. 

Nicht die Kinder machen den Fehler sondern wir. Wenn Geschwister sich nur anschreien oder der Große die Kleinen in einem Kommandoton anbrüllt, dann weiß ich als Mama er kopiert mich. Bin ich ruhig und erkläre viel, sehe ich meinen Großen geduldig mit den Geschwistern im Garten sitzen und er erklärt warum die Ameise nicht tot gemacht werden darf.

 
 

Unser Großer hat lange Haare. Er möchte das und findet es schick. Es gibt durchaus Erwachsene, die damit ein Problem haben. Jungs müssen kurze Haare haben. Auch hier wird unterbewusst beeinflusst. Wir überlassen ihm seine Entscheidung und die Haare sind ihm wichtig. Vielleicht möchte er sie mit steigendem Selbstbewusstsein auch kurz – dann wird er das uns sicherlich mitteilen.

Vorteil der geschlechtsneutralen Erziehung: Die Kinder können sich freier entfalten und ihre Persönlichkeit selbst entwickeln.

Natürlich bringt es aber auch Nachteile. Unser Großer hat seine Schwierigkeiten mit den langen Haaren. Bspw. im Kindergarten. Es gab natürlich Jungs die gerufen haben “Du siehst aus wie ein Mädchen”. Die Erzieher haben sich dem Thema angenommen und geklärt. Seitdem ist es gut – dennoch – die Kinder stoßen auf Spott und Unverständnis und benötigen viel Rückhalt und Motivation. Das gehört dazu, wenn Dinge anders angegangen werden als die Masse.

Persönliches Fazit

Unsere Jungs haben Autos und unsere Tochter eine Spielküche und Puppen. ABER wir würden niemals Etwas sagen, wenn sie mit Autos spielt oder mein Kleiner den Puppenwagen durch die Stadt schieben möchte. Auch dürfen die Kinder ihre Haare tragen wie sie möchten.  Unsere Kinder wissen aber auch das sie Jungs bzw. Mädchen sind und welche körperlichen Unterschiede es gibt. Für uns ist besonders wichtig auf die Bedürfnisse der Kinder zu hören und zu respektieren. Auch versuchen wir sie nicht in eine bestimmte Richtung zu drängen – sie sollen ihre Erfahrungen machen.

 
 

 

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