“Wir haben ihn aber auch oft manipuliert hinzugehen” Interview mit Birke Blogreihe Kindergarten
Heute ist es soweit, meine neue Blogreihe  zum Thema Kindergarten startet. Ihr werdet in den kommenden Wochen interessante Interviews, Gastbeiträge und informative Themen lesen können. Von Mamas, die bewusst ohne Kindergarten leben, den Kindergarten als wichtige Voraussetzung für die Schule sehen und Familien, die ihren eigenen Weg verfolgen. Kinder in klassischen Kindergärten oder wie heute “Nils Janoschbär”, der einen Waldorfkindergartenbesucht hat.
Heute starten wir mit einem zweiteiligen Interview, denn Birke hat sowohl ihren Sohn im Kindergarten betreuen lassen und nach 1,5 Jahren sich für “kindergartenfrei” entschieden. Im 1. Teil berichtet sie Euch von der Zeit im Waldorfkindergarten. Im 2. Teil über das Leben ohne Wecker, Brotdosen und Beurteilungsbögen – kindergartenfrei.

Selbstverständlich könnt ihr Birke auch im Internet besuchen. Im Sinne des Datenschutzes der Hinweis, ihr verlasst dann Mamazeiten:
Ihr Blog KunterbuntesAbenteuer:
Youtobue Channel:  https://www.youtube.com/channe

Interview mit Birke  – Mein Kind im Kindergarten


Warum habt ihr Euch für den Besuch eines  Kindergarten entschieden?
Nils Janoschbär hatte keine Geschwister. Er sollte die Möglichkeit haben mit Kindern zu spielen und Freunde kennen zu lernen.

Besucht ihr einen klassischen Kindergarten oder einen Speziellen wie bspw. Waldkindergarten, Montessori, Waldorf, freien Kindergarten usw.? Welchen und warum habt ihr Euch für diesen Kindergarten entschieden?
Bei uns in der Nähe gibt es einen tollen Waldorfkindergarten. Im Vergleich zum staatlichen Kindergarten sind die Gruppen klein und überschaubar (ca 15 Kinder). Ab fünf Jahren sind die Kinder in einer Natur-Außengruppe, was wir uns sehr gewünscht haben.

Seit wann ist/sind das/die Kind(er) in Betreuung und wie lange am Tag?
Er war dann meist vier Tage die Woche, da immer ein Tag dabei war, wo er keine Lust hatte zu gehen/ es ihm zuviel wurde. Meist Mittwochs.Wir holten ihn unregelmäßig zwischen 12 und vier, je nachdem, wie er es sich am Morgen gewünscht hat und wie ich es mit abholen am Nachmittag gut hinbekommen habe. Nachmittags gab es viel freies Spiel, das hat er sich manchmal gewünscht, eine zeitlang wollte er auch so früh wie möglich wieder geholt werden.

Wie ist die Eingewöhnung verlaufen? Gab es Vorgaben und Regelungen?
Die Eingewöhnung hat Rafael Thaddäus (Papa) mit Nils Janoschbär gemacht. Er sagt, es war unkompliziert. Er konnte solange bleiben wie er wollte. Drei Tage war er mit dabei. Als er das erste Mal nach einer Stunde gegangen ist, wurde er dann nach einer halben Stunde zurückgerufen, weil es nicht ging. Er erinnert sich allerdings daran, dass er einfach gegangen ist, ohne sich von Nils Janoschbär zu verabschieden. Das war wohl das Problem, denn am nächsten Tag als er sich verabschiedet hat, war es problemlos.Ich erinnere mich noch, das Nils Janoschbär morgens immer schlecht aus dem Bett kam. Immer mussten wir ihn wecken. Was wir vorher nie in seinem Leben gemacht haben und es auch schwer übers Herz brachten. Jedoch fiel es ihm total schwer als einer der letzten anzukommen in einen vollen, von wilden Kindern tobenden Raum und ins Spiel zu finden. Oft war auch die Freies Spiel-Phase schon vorbei, das hat er dann auch sehr bedauert. Deshalb brachten wir ihn eine Zeitlang schon um sieben Uhr morgens, er war einer der ersten. Es fiel ihm dann leichter, in einem ruhigen Raum eine Bindung zu den Betreuerinnen aufzubauen. Das half sehr. Allerdings war er immer schrecklich müde. Da sich sein Rhythmus nicht soweit umstellte, dass er am Morgen von selbst wach wurde.

Durftet ihr bleiben, wenn das Kind bei der Verabschiedung geweint hat? Wie ging es Dir damit? Warum glaubst Du weinen Kinder bei der Verabschiedung?
Natürlich durften wir bleiben, aber manchmal mussten wir eben weg.  Rafael Thaddäus fand es sehr schwer ihn dort zu lassen wenn er geweint hat. Allerdings hatte er im Kopf, dass Nils Janoschbär es doch lernen müsse, selbstständig zu werden. Aus heutiger Sicht würde er es anders machen. Er würde ihn nicht mehr dort lassen wenn er weint, sondern ihn mitnehmen, wenn es beruflich möglich ist. Bei uns war es immer möglich, da immer einer von uns mit den Kleinen zu Hause war. Manchmal auch beide. Rafael meint auch, dass die Kinder genau merken, ob es möglich ist oder nicht und dann eher wieder mit nach Hause wollen, wenn die Eltern auch nach Hause gehen.  Er meint, sie weinen, weil sie sich im Kindergarten nicht so geborgen fühlen wie zu Hause. Sie müssen auf neue Situationen und Menschen reagieren. Dies bedeutet Stress für ein Kind. Ich (Birke) habe ihn beinahe jedes Mal wieder mit nach Hause genommen, wenn ich ihn an meinem freien Tag gebracht habe.  Deshalb hat ihn dann meist Rafael gebracht, auch an meinen freien Tagen.

 Habt ihr versucht das/die Kind(er) vor dem Kindergarten „trocken“ zu bekommen bzw. musste das/die Kind(er) zum Eintritt mit drei Jahren „trocken“ sein? Wie ist Eure Erfahrung?
Bei uns war Nils Janoschbär erst zweieinhalb, da schon ein Platz frei war, entschieden wir uns in früher in den Kindergarten zu geben, als ursprünglich geplant. Er wurde also von den Betreuerinnen auch gewickelt. Sie haben es dann auch sehr unterstützt, als er keine Windel mehr wollte, aber noch öfter in die Hose machte, ihn umzuziehen. Oft kam er mit Kindergarten Kleidern nach Hause und bekam eine Plastiktüte mit seinen Kleidern mit.

 Gibt es in eurer Kindergartengruppe spezielle Abläufe und Rituale, die täglich eingehalten werden?
Ja, alles nach Rudolf Steiner, da gibt es ja viele Rituale. Der Tag war gegliedert in Freies Spiel, gemeinsames Frühstück, Lieder, Reime, Puppenspiel und im Wochen Ablauf gab es auch Brötchenbacken,malen, Eurythmie, kneten mit Wachs, Waldtag

Wenn das/die Kind(er) nicht in den Kindergarten möchten, wie geht ihr damit um? Bringen Gespräche mit den Erziehern etwas? Geht das/die Kind(er) gerne in den Kindergarten?
Wir haben ihn schon oft zu Hause zu Hause gelassen wenn er nicht wollte. Wir haben ihn aber auch oft manipuliert hinzugehen. Am Ende hat es nur noch geholfen, dass Rafael Thaddäus mit ihm Pokemon Go auf dem Weg gespielt hat, um ihn aus dem Haus zu bekommen. Mit den Erziehern haben wir bei der ersten Krise die oben beschriebene Lösung gefunden, dass er früher kommt. Bei der zweiten Krise, als er nicht gehen wollte, war unsere eigene Lösung ihn Mittwochs zu Hause zu lassen. Das fanden die Erzieher nicht gut. Da sie sich einen regelmäßigen Besuch gewünscht haben. Sie haben damit argumentiert, dass die anderen Kinder sich sonst mehr zusammenfinden und Nils Janoschbär dann zum Spielen nicht mehr in die Spielgruppen hineinkommt. Wir haben es dann trotzdem gemacht und ihn dann bald ganz aus dem Kindergarten genommen,.

Was hälst Du von den Entwicklungs- und Beobachtungsbögen und habt ihr die Empfehlung zur Förderung, Sprachtherapie etc. erhalten? Wie seit ihr damit umgegangen?
Wir haben von den Bögen und Förderungen nichts mitbekommen. Ich finde es aber schade, dass schon an kleine Kinder so ein hoher Maßstab angelegt werden soll und sie im Vergleich zu Altersgenossen gestellt werden sollen. Es handelt sich doch um große Zeitspannen, in welchen Kinder Dinge lernen. Das sieht man ganz besonders an Freilerner-Kindern und dem Lesenlernen. Lernen tun sie es alle. Manche jedoch mit drei Jahren, andere erst mit dreizehn. Wenn Erziehern noch soviel Papierkram aufgebürdet wird, fehlt Ihnen doch Zeit für die Kinder.
Der Beruf ist sowieso total unterbezahlt für die hohe Belastung.

Findet ein regelmäßiger, täglicher Austausch zwischen Dir und den Erziehern statt? Finden regelmäßig Elterngespräche statt? Habt ihr den Eindruck, dass der Wille der Eltern zählt und ernstgenommen/ umgesetzt wird?
Mir war der Austausch zu wenig. Einmal die Woche wurde einmal ein Satz über unser Kind gewechselt. Ein Elterngespräch gab es nur einmal im Jahr.

Bist Du der Meinung das die Erzieher dein Kind richtig kennen wie es wirklich ist? Gehen die Erzieher individuell auf dein Kind ein? Wird es gesehen mit seinen Bedürfnissen und Wünschen?
Für Nils Janoschbär war es schade, dass Spielzeug nicht erlaubt war, er hätte gerne seine Hotwheel-Autos mitgenommen.
Wenn er irgendwo nicht mitmachen wollte, war es glaube ich schon ok. Aber ehrlichgesagt weiss ich das nicht, da er nie ein einziges Wort über den Kindergarten verloren hat.
Am Anfang haben wir noch oft gefragt, uns aber damit abgefunden nicht zu wissen, was er am Vormittag erlebt. Für mich war das total schwer.

 Seht ihr den Kindergarten als wichtig für die Entwicklung und vor Schulbeginn? Denkst Du der Kindergarten ist eine gute Vorbereitung auf die Schule?
Der Kindergarten ist auf jeden Fall eine Vorbereitung für die Schule. Die Kinder lernen, wie man sich in Gruppen verhalten muss. Wie man Rücksicht auf andere nimmt. Sie lernen zu gehorchen, sich an Regeln zu halten. Sie lernen zuhören, an einer Sache zu arbeiten, auf die Sie vielleicht keine Lust haben. Je nach Schularten, in die das Kind kommt ist es eine wichtige Vorbereitung. Kommt das Kind in eine freie, demokratische Schule, ist kindergartenfrei sicher die beste Vorbereitung, da es andere Kompetenzen lernt. Zum Beispiel seinen eigenen Interessen nachzugehen, selbstbestimmt Ideen zu verwirklichen, mit Freunden eigene Spiele zu spielen.

Was hältst Du von bedürfnisorientierter Erziehung und wie ist es im Kindergarten vereinbar? Unsere “Erziehung” ist bedürfnisorientiert. Geht in Richtung “Beziehung statt Erziehung”, “unerzogen”. Darüber lese ich viel und bilde mich ständig weiterAuch gewaltfreie Kommunikation ist mir sehr wichtig, dies ist bei den Erziehern in unserem Kindergarten teilweise nicht der Fall. Da habe ich schon unschöne Kommentare, an Kinder gerichtet mitbekommen. Bedürfnisorientiert ist im Kindergarten sicher nur teilweise, wenn überhaupt möglich. Wenn die Bedürfnisse von so vielen in einer Gruppe abgestimmt werden sollen, müssen sicherlich viele Kompromisse eingegangen werden.  Ich merke es jetzt schon bei drei Kindern, dass es manchmal schwierig ist.  Allerdings gehört ja auch zu sozialem Lernen, dass man die eigenen Bedürfnisse zugunsten der Gemeinschaft zurücksteckt. Dies ist im Kindergarten auf jeden Fall möglich.

Wie stellst Du dir einen Kindergarten der Zukunft vor?

Mein Traum-Kindergarten ist in der Natur. Ganz viel freies Spiel mit Kindern und Erwachsenen unterschiedlichen Alters. Erwachsene und Kinder genießen gemeinsam die Natur. Die Kinder dürfen wild sein.Oder auch ein Coworking-Space, wo Kinder spielen und Erwachsene arbeiten. Die eigenen Bezugspersonen verfügbar, wenn die Kinder sie brauchen.Gemeinsame Projekte, die lebensnah sind. Die gebraucht werden, in denen die Kinder und Erwachsenen sich selbst als wirksam erleben. Und Kinder brauchen auch Tiere. Dort sollten sie auch für ein Tier gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Hast Du schon einmal „kindergartenfrei“ gehört? Was hältst Du davon?
Ja! Wir sind seit einem Jahr kindergartenfrei und absolut glücklich damit! Für uns passt es gut, ich kann mir aber auch Familien vorstellen, für die es nicht passen würde. Auf jeden Fall finde ich es wichtig, die Idee, dass es ohne KIndergarten möglich ist und eine wunderbare Option für alle sein kann, in den Köpfen zu säen. Denn wenn man im Alltag steckt und nur die Möglichkeit: Kindergarten und Kita kennt, ist es schwierig überhaupt zu hinterfragen, ob das denn nötig ist.
Liebe Birke, herzlichen Dank für den ersten Einblick in eure Kindergartenzeit. Im zweiten Teil (erscheint in ein paar Tagen) erzählt Euch Birke, wie sie heute leben – ein Leben ohne Kindergarten. Wie es dazu kam und ob “Nils Janoschbär” nun glücklicher ist als vorher und wie “kindergartenfrei” überhaupt funktionieren kann – mehr demnächst auf Mamazeiten.
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