Interview Corina Lendfers: “Wir lebten mit 6 Kindern auf einem Segelboot”

Corina Lendfers (40 Jahre) ging an einem Buchladen vorbei und in ihr erweckte sich der große Traum, die Welt mit einem Segelboot zu erkunden. Im Interview erzählt sie ihre Geschichte. Herzlichen Dank!

Foto: www.segel-vision.com - Familie Lendfers

Über Corina Lendfers

"Lebt euren Traum!!! Ausreden gelten nicht. Wenn man ganz genau spürt, wo die eigenen Sehnsüchte liegen, dann führt auch ein Weg dorthin "

Corina ist Mama von 6 Kindern – davon vier Mädchen und zwei Jungs. Die Kinder sind im Alter von 1 und 15 Jahren. Zur Familie gehören ebenfalls Papa Michael,Familienhund Guia sowie weiteren Haustieren. 

Besucht die Familie im Internet oder Facebook unter:

www.segel-vision.com 

Facebook Seite von Corina

Autorenseite von Corinna: www.corinalendfers.com

Das Interview - Der Traum - die Welt in einem Segelboot erkunden

Bitte stelle Dich und deine Familie kurz vor

Ich bin Corina und habe sechs Jahre lang mit meinem Partner, unseren sechs Kindern, einem Hund, drei Vögeln und einem Hamster auf unserem Segelboot gelebt. Ich bin 40 Jahre alt, habe Staatswissenschaften und Kulturmanagement studiert und arbeite als Autorin.

Ihr habt beschlossen, wir möchten auf einem Segelboot leben. Wie kam es dazu?

Im Schaufenster einer Bibliothek entdeckte ich vor zehn Jahren ein Buch  über eine Familie, die um die Welt gesegelt ist. Es war wie ein Blitzschlag für mich, ich spürte: Das ist es, das passt für mich und meine Familie.

Wie lange habt ihr überlegt, bevor ihr den Schritt gegangen seit?

Mein Partner ließ sich sofort von der Idee anstecken. Die Vorbereitungszeit dauerte dann vier Jahre.

Wieso habt ihr Euch für ein Leben auf einem Segelboot entschieden und nicht bspw. als Backpacker oder in einem Wohnmobil usw.?

Backpacker kam für uns mit den Kindern nicht in Frage, da wir ein Zuhause für die Kinder (und auch für uns…) als wichtig erachten. Ein Wohnmobil haben wir, mit dem wir einmal im Jahr für einige Wochen auf Besuchstour bei Familie, Freunden und Verwandten in Deutschland und der Schweiz unterwegs sind. Aber: wir fahren einerseits beide nicht besonders gern Auto, und andererseits braucht man für acht Personen einen kleineren LKW, wenn man langfristig darin leben will. Zudem wollten wir so natürlich wie möglich unterwegs sein, da wir die Natur lieben und möglichst eng  mit ihr verbunden leben wollten. Das Reisen auf dem Wasser hatte für uns einen größeren Reiz als das Reisen auf der Straße. Zudem lieben wir das Segeln.

Wie haben eure Kinder reagiert, als ihr ihnen von Euren Plänen berichtet habt?

Unsere Kinder waren zwischen 2 und 9 Jahre alt (das jüngste kam unterwegs zur Welt), als wir ihnen von unserer Entscheidung erzählten. Sie nahmen sie neugierig zur Kenntnis und ließen sich offen auf alles Kommende ein. Einzig die Älteste wollte anfangs lieber bei ihren Freunden in der Schweiz bleiben und vermisste sie auch lange Zeit.

Interview Corina Lendfers Foto: www.segel-vision.com

Wie haben die Familie, Freunde und Bekannte reagiert?

Wir informierten unsere Familien erst ein halbes Jahr vor unserem Aufbruch, die Freunde erst zwei Monate davor. Unsere Familien reagierten unterschiedlich, von Ablehnung der Entscheidung bis hin zu Begeisterung war alles dabei. Die Freunde fanden es vorwiegend spannend und mutig.

Seit ihr auf open – end Reise oder habt ihr eine bestimmte Zeit geplant?

Wir zogen 2013 open end los mit der Prämisse, solange unterwegs zu sein, wie es für alle Familienmitglieder stimmig ist. Im Sommer 2017 meldeten die beiden Ältesten Veränderungswünsche an – sie sehnten sich nach Hobbies, die auf dem Boot nicht auszuüben sind (Klavierspiel, Tanzen, Reiten) und nach Gleichaltrigen, mit denen sie sich über längere Zeit täglich treffen konnten. So planten wir einen mehrjährigen Zwischenstopp auf Herbst 2019.

Wie können wir uns euren Alltag vorstellen?

DEN Alltag auf dem Schiff gibt es bei uns nicht. Je nachdem, ob wir vor Anker, in der Marina oder auf See sind, sieht es anders aus. Vor Anker oder in der Marina: Jeder schläft, solange er mag. Wenn alle wach sind, gibt es ein gemeinsames Frühstück, dann werden Ideen für den Tag gesammelt. Wanderungen, Strandtage, Ausflüge, Faulenzertage auf dem Boot mit Backen, Basteln, Baden, Lesen, Spielen… Wenn andere Familien vor Ort sind, spielen die Kinder miteinander, wir Eltern treffen uns zum Plaudern. Immer wieder stehen auch Arbeiten am Schiff an, Reparaturen und generelle Instandhaltungsarbeiten, die wir meistens selbst machen. Wesentlich ist die hohe Flexibilität und Spontaneität in unserem Alltag. Wir nehmen’s, wie’s grad kommt, und immer ist es gut!

Viele Menschen fragen sich sicherlich. Wie macht ihr das finanziell und wie sieht eure Altersvorsorge aus?

Mein Partner fliegt zweimal jährlich für je zwei Monate zurück in die Schweiz um zu arbeiten. Er ist Coach und Referent in den Bereichen Sprechtechnik, Konfliktlösung und Auftrittskompetenz, arbeitet an Universitäten, Hochschulen und in der Privatwirtschaft. Ich verdiene als Autorin die Extras dazu:-). Wir haben eine gemeinsame Firma in der Schweiz, die wir behalten haben und über die wir eine minimale Altersvorsorge finanzieren.

Ihr seit bereits seit 2013 unterwegs. Habt ihr Euren Schritt jemals bereut bzw. kommt ab und an Heimweh auf?

Heimweh hatten wir in den ersten 4-5 Monaten. Da vermissten wir Wald, Wiesen und unsere Freunde/Familie. Das ließ dann aber nach. Bereut haben wir den Schritt nie.

Foto: www.segel-vision.com (unbezahlte Buchwerbung)

Welches sind eure größten Herausforderungen im Alltag?

Das Zusammenleben auf engem Raum rund um die Uhr. Konflikte müssen sofort ausgetragen und gelöst werden, es gibt kein Ausweichen. Es gibt kaum Rückzugsmöglichkeiten, wenig Privatsphäre. Das Zurechtfinden an neuen Orten, in neuen Ländern, das Einlassen auf neue Sprachen und Kulturen.

Habt ihr keine Angst bzw. ist schon einmal etwas passiert?

Angst haben wir keine, Respekt vor dem Meer durchaus. Notfälle hatten wir ebenfalls keine, weder auf dem Wasser noch bei Landausflügen. Wir gehen vorausschauend und positiv an alles heran, das hilft sicherlich. Der Rest ist wohl auch Glück.

Vermisst ihr irgendetwas aus der Schweiz bzw. eurem alten Leben?

Den regelmäßigen Kontakt zu unseren „alten“ Freunden. Gute Schweizer Schokolade und Käse, zwei Dinge, die wir bisher nicht in vergleichbarer Qualität und Vielfalt gefunden haben.

Eure Kinder sind teils im Schulalter. Lernt ihr unterwegs? Wie können wir uns das vorstellen?

Nachhaltiges Lernen findet nicht in der Schule statt. Unsere Kinder lernen täglich, ohne dass es von irgendwem protokolliert wird. Sie lernen aus sich selbst heraus, aus innerem Antrieb und mit Begeisterung. Sie lernen das, was sie interessiert und was sie vorgelebt bekommen. Das sind oft keine Dinge, die in schulischen Lehrplänen stehen. Aber es sind immer Dinge, die mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Darunter fallen natürlich Lesen, Schreiben und mit Geld rechnen, aber auch Fremdsprachen, Inhalte aus der Geographie, der Geschichte, Biologie, Physik und Chemie. Sie kochen und backen, sie basteln, bauen, streichen, üben sich in der Bootselektrik, kümmern sich um ihre Tiere, lernen aus der Praxis unterschiedliche Wirtschafts- und Politiksysteme kennen, erfahren viel übers Klima, das Wetter, über Naturphänomene wie Stürme, Regenzeiten und Klimazonen, über Vulkanismus, Geologie und Astronomie. Da sie einerseits nicht gezwungen werden, Dinge lernen zu müssen, die sich nicht interessieren, und andererseits täglich unzählige spannende Inputs von Außen bekommen, indem sie einfach nur leben und nicht von der Erwachsenenwelt isoliert sind, sind sie allem Neuem gegenüber sehr aufgeschlossen. Für reine Wissensvermittlung fahren wir eine große Bibliothek mit an Bord und die Kinder sind für weitere Recherchen sicher im Internet unterwegs.

Wie sieht Eure Zukunftsplanung aus?

Wir sind im August 2019 aus dem Schiff aus- und nach Georgien im Kaukasus gezogen. Dort leben wir nun in einem kleinen Haus mit großem Garten. Zwei der sechs Kinder besuchen auf eigenen Wunsch die Deutsche Internationale Schule, die anderen lernen nach wie vor frei. Ein Kind erhält von einer georgischen Künstlerin eine Ausbildung in Malerei, ein anderes reitet. Das Boot steht in Portugal. Wir leben immer wieder einige Wochen darauf und sanieren es Stück für Stück, damit es in rund fünf Jahren, wenn die ältesten Kinder erwachsen und ausgezogen sind, wieder fit ist für die nächste große Segelreise, die uns dann in den Pazifik bringen wird. Oder nach Alaska. Oder durch die Magellanstraße. Bis dahin bauen wir unser Wohnmobil aus und erkunden auf dem Landweg in den Schulferien den mittleren Osten. Pläne haben wir viele…

Gibt es noch Etwas, das ihr gerne mitteilen möchtet?

Lebt euren Traum!!! Ausreden gelten nicht. Wenn man ganz genau spürt, wo die eigenen Sehnsüchte liegen, dann führt auch ein Weg dorthin. Man muss nur den Mut haben aufzubrechen und ihn zu finden. Und pfeift auf Konventionen und Traditionen, die euch nichts bedeuten. Es ist euer Leben, und ihr seid selbst dafür verantwortlich. Ihr seid die Autoren eures Lebens!

Corina Facebook Info: "Haarscharf vor Jahresende ist es vollbracht: Die Fortsetzung unseres Reiseberichtes ist abgeschlossen! Ich freue mich riesig, euch "Vierzehn Füsse segeln weiter" vorstellen zu dürfen. Der zweite Band erzählt von unseren Erlebnissen auf den kapverdischen Inseln vor Afrika, der Atlantiküberquerung nach Südamerika, dem Generalstreik in Französisch-Guyana, Begegnungen im Regenwald von Surinam und der Schiffsgeburt auf Trinidad."
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