“Du musst nicht in den Kindergarten!” Wir leben kindergartenfrei, 2. Teil Interview mit Birke

 
Im ersten Teil unseres Interviews, hat Birke von der Zeit im Kindergarten berichtet.  “Nils Janoschbär” besuchte den Waldorfkindergarten, ist aber nie so wirklich im Kindergartenalltag angekommen. Diskussionen, nicht aufstehen wollen und schlussendlich das Kind wieder mit nach Hause nehmen. Kindergarten soll doch eigentlich Spaß machen und kein Zwang sein – zumindest, wenn die Mama oder der Papa die Zeit haben und das Kind die Wahl haben kann.  Im zweiten Teil erzählt Birke, wie sie zu dem Entschluss kamen, den Kindergarten zu verlassen und sich auf unbekanntes  “Terrain” – kindergartenfrei – zu wagen. 
 

Selbstverständlich könnt ihr Birke auch im Internet besuchen. Im Sinne des Datenschutzes der Hinweis, ihr verlasst dann Mamazeiten:
Ihr Blog KunterbuntesAbenteuer:
Youtobue Channel:  https://www.youtube.com/channe

 

Interview mit Birke  – kindergartenfrei – eine Erleichterung

 
Hat (eins) Euer Kind/Kind(er) jemals einen Kindergarten/ Tagesmutter besucht? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?
Unser Ältester ist 1,5 Jahre im Kindergarten gewesen und nun seit einem Jahr zu Hause. Unsere Erfahrungen mit dem Kindergarten, habe ich in einem Blogartikel, auf unserem Blog, genau beschrieben. Wir haben Höhen und Tiefen damit erlebt. Manchmal wollte Nils Janoschbär vom Kindergarten gar nicht nach Hause, wenn ich ihn abholen wollte. An anderen Tagen, kam als wir nachmittags am Bach gespielt haben, plötzlich leise und zaghaft ein Lied oder Reim aus ihm heraus, von dem ich nicht wusste, dass er es kann. Solche Situationen haben mich sehr glücklich gemacht. Nie vergessen werde ich, als wir ihn strampelnd und weinend in den Armen der neuen Erzieherin gelassen haben, als wir mit seinem neugeborenen Bruder zu einem Termin mussten. Das war grausam. Auch die Tage, als wir sein “Nein” überhört haben, und ihn trotzdem hingebracht haben, obwohl er keine Lust hatte, möchte ich nicht noch einmal erleben. Als ich mitbekommen habe, wie unwirsch eine -sonst liebevolle- Betreuerin zu einem Kind war, als sie gestresst war, wollte ich auch nicht mehr dass unser Sohn dort hingeht. Tatsächlich hatte ich erwartet, dass er dort gut begleitet wird und in liebevollen Händen ist. Allerdings hatte ich völlig überschätzt, um wie viele Kinder sich die Betreuerinnen ja kümmern müssen,  und wie wenig Zeit und Aufmerksamkeit da für den Einzelnen bleibt. Da ist es für mich oder meinen Mann, mit drei Kindern zu Hause oder unterwegs, auf jeden Fall besser.
Unser ältester Sohn war auch oft absolut erledigt, wenn er zu Hause ankam. Dies zeigt, wie stressig für ihn ein Vormittag im Kindergarten war. Auf soziale Kontakte hatte er gar keine Lust mehr. Mit seinem Bruder stritt er viel, da ihnen wenig Zeit vom Tag blieb, um eine Bindung aufzubauen. Ich hatte oft das Bedürfnis mich mit anderen Eltern zu treffen, die auch Kinder haben. Denn vormittags machte ich Haushalt und Nachmittags wollte ich raus aber Janoschbär stritt nur mit den Kindern und wollte nach Hause und das war dann auch anstrengend und unschön.
 
 
Foto von Birke Wolf

Lebt ihr bewusst – kindergartenfrei – bitte erzähle wie es dazu gekommen ist

Ohne, dass ich über “kindergartenfrei” gelesen hätte, wären wir nicht auf die Idee gekommen. Begonnen hat die Idee in mir zu reifen, als ich zufällig ein youtube-Video einer Mutter gesehen habe, die mit ihren spielenden Kindern im Wald war und über “kindergartenfrei” erzählt hat. Als ich dann eine Familie traf, deren Tochter vier war und nicht im Kindergarten, machte ich mir langsam Gedanken, ob das etwas für uns wäre. Und als unser Großer in die Draußengruppe kam, wurde es zunehmend schwieriger, ihn morgens zu überzeugen in den Kindergarten zu gehen.
Ich war mit seinen beiden kleinen Geschwistern zu Hause und er musste das Haus verlassen. Viel lieber wollte er bleiben und zu Hause spielen. Ich sagte ihm eines Nachmittages im Juni, vor einem Jahr: “Du, Nils. Du musst nicht in den Kindergarten. Wir machen das nur, damit es dir Spaß macht.” Er blickte mich an und fragte:” Wenn ich nicht will, muss ich nicht gehen”
“Ja, dann melden wir dich ab. Dann kannst du aber auch nicht einfach einen Tag gehen, wenn du mal wieder Lust hast.” Er strahlte und sagte: “Dann will ich da nie wieder hin.” Damit war es beschlossen. Jetzt seit einem Jahr hat er nie den Gedanken geäußert, wieder hin zu wollen Interessant ist auch, dass er erst jetzt darüber sprechen kann, dass er damals geschlagen wurde: “Mama, es ist doch komisch, in der Gruppe bei den Kleinen durfte man im Kindergarten nie hauen. Aber in der Draußengruppe durften uns die Großen auf einmal hauen.”
 
Foto von Birke Wolf

Welchen Nachteile seht ihr an einem klassischen bzw. generell an Kindergärten? Gibt es Deiner Meinung nach auch Vorteile?

Nachteile sehe ich in der Gruppengröße, in der Lautstärke, in der Überforderung der Betreuer. Auch die lausige Bezahlung für einen so wichtigen Beruf finde ich absolut unangebracht. Kinder sind vom Leben abgeschnitten. In einem künstlich erzeugten Rahmen, mit Gleichaltrigen erfahren sie ihr Leben.  Ihnen fehlt der Kontakt zu Erwachsenen und älteren Kindern, von welchen sie leichter soziales Verhalten lernen können, als von Gleichaltrigen. In Bezug auf das Lernen von sozialem Verhalten im Kindergarten gefällt mir der Vergleich: 
Das ist wie, lauter Nichtschwimmer ins tiefe Wasser zu werfen und davon auszugehen, dass sie schon Schwimmen lernen werden. Vorteile sind natürlich, dass die Eltern freie Zeit haben, für sich, für den Beruf oder den Haushalt. Obwohl ich es total wichtig finde, dass die Kinder an der Hausarbeit teilhaben und sie mitbekommen, was leichter ist wenn sie zu Hause sind.

 

Welche Vorteile siehst Du darin, kindergartenfrei zu leben?

Bei uns sind entspannte Morgende die Regel. Ausschlafen, gemütlich Essen machen, auf das die Kinder Lust haben und bei dem sie mithelfen. Abholen und bringen war bei uns durch die Entfernung auch immer stressig, das fällt nun weg. Und unser Nils Janoschbär hat sich wahnsinnig zum Positiven verändert, seit er nicht mehr in den Kindergarten geht. Er ist entspannter, aufgeschlossener gegenüber Erwachsenen. Er spricht mit meinen Großeltern, wo er vorher jeden Blickkontakt vermieden hat.  Er ist interessiert an unseren Freunden und freut sich über jedes Kind, mit dem er spielen kann. Dann spielt er stundenlang und friedlich, statt wie früher aggressiv und gereizt. Öffentliche Einrichtungen können vormittags besucht werden, statt am Wochenende und an Feiertagen, an denen ich Tiergarten und Playmobil-Funpark meide. Die Beziehung Kind-Eltern und Kind-Geschwister ist viel tiefer und qualitativer, je mehr Zeit wir gemeinsam verbringen. Projekte können stehengelassen und bei Bedarf fortgesetzt werden.

 

Foto von Birke Wolf

Wie sieht Euer klassischer Tagesablauf aus?

Ausschlafen mit Papa, Buch lesen und kuscheln im Bett, frühstücken, ein bisschen fernsehen, im Garten spielen – Haushalt, Mama kommt nach Hause- stillt die Kleinen, Mittag essen, Mama geht mit den Kindern Freunde treffen, an den See, in den Wald oder in die Stadt – Papa schreibt an seinem Buch, abends: Haushalt, abend essen, Mama arbeitet am Schreibtisch – Kinder kommen ab und zu vorbei. Zwischen neun und zehn Uhr abends gehen wir dann alle zusammen im Familienbett schlafen. Dann gibt es natürlich Tage mit gemeinsamen Ausflügen, als Familie oder Zeiten, in denen Mama oder Papa alleine weggehen für Fußball, Reiten, Feldenkrais, Kino,…

 

Wie wichtig sind für Dich soziale Kontakte vom Kind(er) und besucht ihr andere Angebote wie bspw. Musikschule, turnen usw., wo es/sie mit anderen Gleichaltrigen in Kontakt kommen?

Wir haben selbst viele Freunde, die Kinder haben, die wir treffen. Nils Janoschbär hat auch Freunde, bei denen er übernachtet oder die er ohne uns besucht.  Wir organisieren Treffen, wenn er es wünscht, oder wenn wir merken das er unausgeglichen ist. Aber meist merkt er selbst was er braucht und ruft auch selbst an, um etwas auszumachen. Zwei Termine haben wir nachmittags, bei denen er wöchentlich regelmäßig Kinder trifft. Klettern und Waldtag, da sind Papa und Mama jeweils dabei. Allerdings finde ich es auch sehr wertvoll, dass er auch Freunde hat, die nicht gleich alt sind. Eine Hündin, eine Freundin von uns, die er sehr liebt. Unsere Verwandten. All diese Beziehungen haben sich erst nach dem Ausscheiden aus dem Kindergarten vertieft.
 
Foto von Birke Wolf – Nils Janoschbär

 Im Kindergarten bekommen Eltern oft zu hören, dass es wichtig für die Kinder wäre, dass sie alleine in der Einrichtung sind, Regeln lernen und sich alleine durchsetzen müssen. Wie stehst Du dazu?

Ab einem gewissen Alter und einer bestimmten Reife, ist es wichtig, dass Kinder sich selbst erleben. Wie sie auf andere, fremde Personen wirken, ohne Eltern. Das ist allerdings im Kindergartenalter noch nicht unbedingt der Fall, eher später im Schulalter dann. Regeln lernen Kinder ja auch zu Hause oder in einem Kurs, den sie besuchen oder in der Straßenbahn zum Beispiel. Regeln gibt es ja überall in ihrer Umwelt. Sich alleine durchzusetzen können kindergartenfreie Kinder mit Geschwistern sicherlich leichter lernen als Einzelkinder. Kindergartenfreie Kinder können große Kindergruppen auch auf Festen zum Beispiel erleben und sich da ausprobieren. In großen Kindergruppen lernen leider auch nicht alle Kinder sich durchzusetzen. Manche verlieren auch immer und werden total klein gemacht von den Anderen.

 

 Ein anderes Argument: Im Kindergarten werden den Kindern Aktionen angeboten, die ich niemals alleine zu Hause hinbekommen würde, weil meist die Zeit dazu fehlt (malen, basteln, Sprachförderung, Ausflüge usw..) Wie siehst Du das?

Bei uns zu Hause bleibt mehr Zeit für Aktionen, wenn alle Kinder zu Hause sind. Wir geben uns Mühe, dass immer ein Elternteil mit den Kindern ist. Da malen, basteln, spielen wir viel mit den Kindern und der Betreuungsschlüssel ist besser als im Kindergarten. Unsere Aktionen sind lebensnah: Brötchen oder Kuchen backen, Filme drehen und in youtube hochladen, das Haus anmalen oder Mosaik machen,Geschichten lesen oder selbst welche ausdenken, Briefe an die Urgroßmutter schreiben, Whattsapp – Sprachnachrichten an Freunde verschicken,…
 
 
Foto von Birke Wolf
Was hältst Du davon, dass Kinder in Ganztagesgruppen bis 16.30 Uhr im Kindergarten verbringen?
Der Trend unserer Gesellschaft geht leider dahin.  Die Alten werden ins Heim gesteckt. Die Eltern arbeiten, meist Beide. Die Kinder sind 8-9 Stunden in einer Einrichtung. Ich denke wir ziehen uns da psychische Wracks heran, die später im Leben schwer klar kommen werden. Meiner Erfahrung nach sind die Kinder absolut durch, nach so einer langen Zeit im Kindergarten.
Abends dann noch schnell essen und ab ins Bett und morgens schnell los. Wo bleibt da die Beziehung zu Eltern oder Geschwistern? Da sind die Eltern doch nur Antreiber, weil ja Alles auch immer noch schnell gehen muss und funktionieren muss. Oder spätestens in der Pubertät gibt es dann riesige Probleme, wenn die Bindung zu den Eltern fehlt.
Das ist jetzt sehr schwarz gemalt und sicher nicht bei Allen so. Es kann ja auch sein, dass die Familienverhältnisse zu Hause schwierig sind und dass das Kind super gute Freunde im Kindergarten hat.  Da ist es dann in Betreuung auf jeden Fall besser aufgehoben.
 

 

Denkst Du das Kind(er), die kindergartenfrei aufwachsen, mit dem Eintritt in die Schule, Schwierigkeiten bekommen? 

Eigentlich denke ich sie haben die gleichen Kompetenzen gelernt wie Kindergartenkinder. Teilweise vielleicht besser. Allerdings werden sie sicher eine Eingewöhnungsphase brauchen, in der sie mit den vorgegebenen Strukturen klar kommen müssen und damit, dass sie weniger selbst entscheiden können. Es kommt ganz auf die Schulart an. Meiner Meinung passt das Regelschulsystem nicht zu kindergartenfreien oder bedürfnisorientiert aufgezogenen Kindern. Eine freie, demokratische Schule, zum Beispiel, würde das Elternhaus eher ergänzen.

 

Gibt es noch Anmerkungen, Gedanken oder Anregungen, die Du gerne los werden möchtest? Bitte teile sie uns noch mit. 

Bist du sowieso zu Hause, wegen kleinen Geschwisterkindern und habt ihr öfter Probleme mit dem Kindergarten… TRAUT EUCH!!! Probiert es einfach Ohne. Zum Glück gibt es keine Kindergartenpflicht in Deutschland. Nutzt es aus! Genießt möglichst viel Zeit mit eurem Kind. Sie werden so schnell groß und schwupps, die Kindheit deiner Kinder, haben dann andere erlebt. Erzieher, die womöglich nicht einmal mehr den Namen deines Kindes wissen. Allerdings, gebt eurem Kind Zeit, um positive Veränderungen an ihm festzustellen. Wie es eine Deschooling-Phase gibt, gibt es auch eine Dekindergardening-Phase. Unser Nils Janoschbär war ab dem ersten kindergartenfreien Tag so entspannt, als wäre eine riesige Last von ihm gefallen.

Foto von Birke Wolf

 

Liebe Birke, herzlichen Dank für deinen Einblick in euer Leben und die Zusammenarbeit! In den kommenden Wochen lernt ihr noch weitere Familien kennen  – von Befürworter des Kindergartens, Erfahrung in beiden Welten bis hin zu schon immer kindergartenfrei. Außerdem werden informative Beiträge folgen wie bspw. Checklisten für die Kindergartenwahl und – ausstattung. Es bleibt spannend!

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