Im Interview: Mobbing Schule! “Ich selbst war Mobbingopfer”

Wenn Hanna sich an ihre Schulzeit zurück denkt, sind das keine schönen Erinnerungen. Heutzutage kommt fast jedes 3. Kind mit Mobbing in Berührung. Die Opfer leiden meist still und befinden sich in einer ausweglosen Situation. Hanna erzählt im 1. Teil des Interviews ihre herzergreifende Geschichte, die zum nachdenken anregt. Hanna, herzlichen Dank für diesen offenen und ehrlichen Einblick in dein Leben!

Im 2. Teil des Interviews gibt Hanna einen Einblick in ihr Leben heute. Sie reist gemeinsam mit ihrer Familie, im Wohnmobil, durch Europa. Die Kinder sind Freilerner und lernen durch das Leben. 

Foto: www.vagabundenliebe.de

Über Hanna & ihre Familie

Hanna ist Mama von 2 Kindern. In ihrer Schulzeit durchlitt sie Mobbing, Demütigungen bis hin zur Einweisung. Heute reist Hanna mit ihrer Familie (mehr dazu im 2. Teil des Interviews). 

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Das Interview - Erfahrung Mobbing in der Schulzeit

Bitte stelle Dich und deine Familie kurz vor

Ich bin Hanna, Mama von zwei Kindern, und zusammen mit dem Papa Marc und unserem Hund Marley reisen wir im Wohnmobil durch Europa. Unsere Kinder gehen nicht zur Schule oder in den Kindergarten, sondern sind – wie wir auch – Freilerner. Wir arbeiten von unterwegs und drehen momentan eine Dokumentation über das Freilernen in Europa.

Welche Gedanken gehen dir durch den Kopf, wenn Du dir unser Schulsystem anschaust?

Wenn ich an das Schulsystem in Deutschland denke, denke ich vor allen Dingen an Leistungsdruck, Zwang, Gleichmacherei und Fremdbestimmung. Insbesondere die Fremdbestimmung ist ein Aspekt des Schulsystems, gegen den es schwer ist sich innerhalb des Systems zu wehren.

Du hast als Kind in der 3. Klasse öfter über Bauchschmerzen und später auch Kopfschmerzen geklagt. Kannst Du dich daran erinnern, ob es Situationen in der Schule gegeben hat, die Dir Angst gemacht haben?

An konkrete Situationen kann ich mich nicht erinnern, allerdings haben mich unfaire Behandlungen von mir oder meinen MitschülerInnen durch Lehrkräfte sehr wütend gemacht. Das war an der Tagesordnung, z.B. alltägliche Situationen bei Lehrkraft X im Unterricht nicht auf die Toilette gehen zu dürfen oder dass niedrigere Klassenstufen in den Pausen nicht selbst entscheiden durften, ob sie drinnen oder draußen die Pause verbringen oder die alltäglichen Strafen, wenn einer gegen eine Regel verstieß, alle bestraft wurden). Ich fühlte mich fremden Personen ausgeliefert und alleine der Gedanke, dass andere Menschen mich permanent bewerten und damit direkten Einfluss auf meinen Lebensweg nehmen dürfen, hat mich schon als Kind geärgert. Das war so intensiv, dass ich schon bald nur noch mit Bauchschmerzen in die Schule ging, was sich ab dem Gymnasium zu sehr starken Kopfschmerzen und später Lähmungserscheinungen und Panikattacken steigerte.

Wie sind Deine Eltern mit der Thematik umgegangen?

Meine Eltern sind mit der Thematik größtenteils gar nicht umgegangen. Sie wurde so lange es möglich war, ignoriert. Als das nicht mehr ging, wurde ich mit meinen Brüdern verglichen, die diese Probleme nicht zeigten, womit klar war, dass das Problem bei mir selbst liegen musste

Wurdest Du in der Schule gemobbt. Könntest Du einen Einblick geben, was genau das bedeutet und sich „angefühlt“ hat.

Ich denke, es gibt viele Gesichter von Mobbing. in meinem Fall war es Ausgrenzung. Es blieb meinen MitschülerInnen nicht verborgen, dass ich ein Problem hatte mit der Schule an sich, dass ich mich nicht einfach allem anpassen wollte und auch kritisierte, was ihnen vielleicht einfach ganz normal vorkam. Der Wettkampfgedanke wurde auch in sie tief gepflanzt, so dass meine Ablehnung an dem System zu ihrer Zustimmung wurde, die ihnen bessere Karten bei den Machthabern (den Lehrkräften und Benotungen) versprach. So zumindest mein damaliger Eindruck. Ich fing aber auch an mich selbst auszugrenzen. Ich wollte mir meine Freunde selber aussuchen und war mit den angebotenen Gleichaltrigen in meinem Klassenverband nicht immer glücklich. Aufgrund des Zeitvolumens, das Schule so mit sich bringt, ist es allerdings nicht ganz einfach einen Ausgleich am Nachmittag/Abend zu finden.

Mamazeiten - Gegen Mobbing - Bild: Pixabay/Anemone123

Du hattest im Laufe deiner Schulzeit viele Fehlstunden. Hast Du die Schule geschwänzt oder warst Du krank gemeldet? Magst Du uns einen Einblick in die Schulgeschichte geben?

Anfangs wurde ich noch von meiner Mutter krankgeschrieben. Je häufiger das vorkam, desto weniger wollte sie das tun, also blieb ich manchmal auch einfach so zuhause und schloss mich in meinem Zimmer ein. Als die Fehlstunden aber immer mehr und mehr wurden, wurde mir eine Attestpflicht auferlegt, ich sollte also für jede Stunde, die ich nicht anwesend war, einen Attest vom Arzt vorlegen. Damit hat sich mein Widerstand natürlich verstärkt, weil ich mich nun noch mehr fremdbestimmt fühlte. Das war der Moment, wo das Schwänzen und damit der bewusste Widerstand begann. In der 11. Jahrgangsstufe wurde ich nach dem ersten Halbjahr darauf hingewiesen, dass ich nun keine weiteren Fehltage haben dürfte, da ich sonst nur aufgrund dieser die Stufe nicht bestehen würde, ganz unabhängig von meinen Schulnoten, die weiterhin im durchschnittlichen Bereich lagen. Dadurch spürte ich sehr genau, dass es keineswegs um Bildung ging, wegen der ich zur Schule sollte, sondern schlicht und ergreifend nur darum, dass ich die Autorität der Schule anerkenne, ganz gleich, wie sinnvoll mir die Aufgaben erscheinen, die ich auszuführen habe. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich die Schule gar nicht mehr besuchen brauchte, nachdem mir dies nun sehr deutlich klar wurde. Zu dem Zeitpunkt war ich noch (berufs-)schulpflichtig.

Wenn Du heute an deine Schulzeit zurück denkst und nun deine Kinder schulpflichtig werden, wie denkst Du darüber?

Bereits in der Schwangerschaft mit unserem ersten Kind dachte ich über die Schule nach. Anfangs schaute ich mir Konzepte freierer Schulen an, konnte mir aber letztendlich nicht vorstellen, dass mein Kind sich dem Ganzen zwanghaft fügen sollte. Hingehen und mussten sie dort auch und Freunde selber aussuchen ging auch nicht. Ich belas mich zum Themen Schule und Lernen und entdeckte dann ganz erleichtert sehr schnell Menschen, die sich ebenfalls gegen die Schule stellten und das nicht aus Glaubensgründen, auf was es in den Medien gerne reduziert wurde. Ich entschied, dass meine Kinder die Wahl haben sollten, so wie es die Menschen in vielen anderen europäischen Ländern auch haben. Auch sage ich meinen Kindern die Wahrheit über Schule. Wir spielen das Spielchen nicht mit, dass “Schulkinder” schon “so groß” sind und sie endlich in die tolle Schule “dürfen”. Das glauben sie eh nicht, da sie mehrere Freunde haben, die bereits in der Schule sind oder dort waren und ihnen ganz ehrlich berichten, wie sie Schule finden. Bisher haben sie sich nicht für Schule entschieden.

Wie müsste die Schule der Zukunft aussehen?

Wenn es schon ein spezieller Ort sein soll, dann sollte die Schule der Zukunft ein Ort sein, der Angebote macht. Der besucht werden kann, aber nicht muss. Eine Ort, an dem sich Menschen begegnen können, egal welches Alters oder Herkunft. Wo es immer jemanden gibt, von dem man lernen kann, wenn man das möchte oder wo man findet, wonach man sucht. Für notwendig halte ich solch einen offiziellen Ort aber nicht. Das Leben ist die Schule selbst.

Denkst Du heute, deine Eltern hätten die Situation verbessern, klären oder vielleicht anders damit umgehen können. Was würdest Du Eltern raten?

Definitiv hätte es auch anders laufen können für mich, wenn meine Eltern die Situation und vor allem mich ernst genommen hätten. Daher rate ich Eltern, deren Kinder ähnliche Symptome zeigen, dass sie ihr Kind so annehmen, wie es ist, dass sie es nicht zum Problem machen, denn das Problem ist nicht das Kind. Voller Support ist notwendig und die Suche nach einer Lösung, die für alle möglich ist, muss vorangetrieben werden. Wenn man sich für Kinder entscheidet, kann man nicht erwarten, dass sie sich auch reibungslos in alles fügen, was ihnen von außen auferlegt wird. Schaut auf eure Kinder und hört ihnen richtig zu.

Du musstest sogar mit 13 bereits zur Psychologin, weil “das Problem” in Dir als Person gesehen wurde und nicht im System und warst nach deiner Schulzeit in einer Klinik für psychosomatische Beschwerden.. Ein sehr langer Leidensweg. Wie wünscht Du dir die Schulzeit für deine Kinder?

Ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie jederzeit selbstbestimmt das lernen können, was zu dem jeweiligen Zeitpunkt ihren Interessen und Fähigkeiten entspricht. Und ich bin froh, dass wir genau das leben können.

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Mamazeiten Familien im Interview - zeigt das Leben von Familien auf der Welt. Sie geben einen spannenden und offenen Einblick in ihr Leben, ihre Erfahrungen und Einstellungen. Die Geschichten, die das Leben schreibt. Werde Teil und zeige, das Leben ist bunt und schön.
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"Als Freilerner mit dem Wohnmobil durch Europa" - Der 2. Teil des Interviews mit Hanna!

“Unsere Kinder sind Freilerner und gehen nicht zur Schule.” Was für viele Menschen unvorstellbar ist, ist für Andere eine Lebenseinstellung. Es gibt sehr große Communities in der gesamten Welt. Im zweiten Teil des Interviews, erzählt Hanna, wieso sie diesen Lebensstil leben und von ihrer Reise, im Wohnmobil, durch Europa. 

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