Klartext: Leben und sterben live in social media

In meiner neuen Rubik Klartext, möchte ich kein Blatt vor den Mund nehmen und über Themen schreiben, die meiner Meinung nach offen und direkt angesprochen werden müssen. Das in meiner Sprache und auch mit meiner persönlichen Meinung. Heute möchte ich über leben und sterben live in der social media Welt schreiben. Vielleicht kennen Einige die Seiten auf social media. Menschen, die schwer krank sind, durchaus auch junge Menschen, schreiben über ihr Leben und ihre Krebserkrankung oder anderes Leid und erreichen damit mehrere tausend Follower. Sie informieren über die ersten Symptome, nehmen ihre Anhänger mit zur Chemotherapie oder zur nächsten Arztbesprechung.

social media – kommentieren ohne nachdenken

Ich habe mir einige dieser Seiten angesehen und mich gefragt, was genau bewegt so viele Leute, immer wieder auf diese Seiten zu gehen und was genau hat ein schwerkranker Mensch davon, seine Geschichte, die kein happy End haben wird, dort zu teilen?! Ich muss zugeben, auch ich habe schon ab und an auf diesen Seiten vorbei geschaut, um zu lesen, „wie es der Person geht“ oder müsste ich sagen: „ob sie schon gestorben ist?“ Ein wenig erinnert es mich an einen Verkehrsunfall. Jeder weiß, nicht hingucken und trotzdem interessiert es. Nicht umsonst schreiben Boulevardzeitungen über Badetote, Autounfälle oder schlimme Killerkeime, die das Hirn aufgefressen haben. Das interessiert und wird geklickt. 

Ich kann mich natürlich nicht in einen Menschen hinein versetzen, der von den Ärzten die Diagnose bekommen hat: “Wir können wirklich nichts mehr für Sie tun.” Ich kann mir aber vorstellen, dass die Beweggründe, das Schicksal auf social media zu teilen, immer verschiedene Ambitionen sind. Aufklärung, wachrütteln zur Vorsorge zu gehen und auf den Körper zu achten – so gut es eben geht. Aber die Betroffenen berichten auf ihren Seiten auch, dass Follower motivieren, die Worte direkt ins Herz treffen und ein Gefühl auslösen, nicht alleine zu sein. Wieder Andere nutzen es als Tagebuch, dass immer trauriger wird und Jeder, der die Seite besucht auch weiß, wie die Geschichte ausgehen wird. Die Frage ist nur wann und wie, mit welchen Schmerzen und Qualen oder friedlich und ohne großes Aufsehen. 

Mamazeiten

Anonymität des Internets – Moral und Anstand bleiben bitte vor der Tür.

Die Anonymität von social media, lässt aber scheinbar auch die Moral und den Anstand vor der Tür stehen. Es wird drauf los geschrieben, scheinbar nicht noch mal gelesen und das ohne Rücksicht auf Verletzung von Gefühlen. Von guten Ratschlägen, welche Theraphieformen noch probiert werden könnten, bis hin zu Aussagen wie bspw: “In der Schweiz gibt es Sterbehilfe. Willst Du die Qualen deiner Familie wirklich antun?” oder „Lass los und habe eine gute Reise.“ Der Pietätlosigkeit sind keine Grenzen gesetzt.  Ich frage mich: Würden diese Leute das auch sagen, wenn sie direkt vor der Person am Krankenbett stehen oder dem Ehemann/Ehefrau in die Augen schauen? Würden sie wirklich jede Hoffnung nehmen?

Die Schicksale, die Viele bewegen, dass sind meist junge Leute. Die eigenen Eltern müssen irgendwann ihr Kind zu Grabe tragen. Dahinter stehen echte, reale Menschen mit Gefühlen. Eine Familie, eine kranke Person. Ernsthaft? Die Familie muss solche Kommentare im Netz lesen? 

Die Krankheit schreitet voran und die Community ist immer mit dabei. Die Erwartungshaltung wird mit steigender Anzahl an Kommentaren signalisiert. Sollte es mal ein paar Tage keine Liveschaltung geben oder ein Bild oder ähnliches, wird sofort nachgefragt und spekuliert, ob es vielleicht doch schon schlechter geht. Es wird Druck aufgebaut und zwar bitte auch bis zum Schluss. Ich möchte gar nicht absprechen, dass es Leute gibt, die sich Sorgen machen und wissen möchten, wie es der Person wirklich geht – wobei was heißt Sorgen machen? Wir kennen Den/Diejenige nicht persönlich und sehen Momentaufnahmen aus dem Leben. Wie kann man sich das Recht rausnehmen, ständig und jederzeit informiert zu werden oder sogar Druck aufzubauen, sich doch bitte zu melden?

Die Geschmacklosigkeit war für mich erreicht, als ein die betreffende Person ein live Video gemacht hat und es wirklich anzusehen war, dass es gerade keine gute Zeit ist. Die Kommentare darunter waren gruselig. Von „Lass los, Du hast genug gekämpft“, bis „das war das letzte live Video, jetzt ist es bald zu Ende.“, war Alles dabei. Das ist social media Motivation. Ich würde wirklich gerne diese Leute sehen, wie sie im Krankenhaus vor der Person stehen und direkt in die Augen schauen und sagen: Lass los, es ist Zeit zu gehen für Dich. Das Netz kennt keine Grenzen. 

Drei Tage vor dem eigenen Tod noch live zu kommen und zu sagen „das ist mein letztes Video, ich muss gehen.“, zeigt auf der einen Seite, die Verpflichtung und den Wunsch, auch die community bis zum Schluss teilhaben zu lassen aber wie grausam und schrecklich muss es für die Familie sein. Wie grausam ist es, Jemanden eine gute Reise zu wünschen, Jemanden der stirbt und nicht in den Urlaub fährt und nach zwei Wochen wieder da ist. Jemanden, der es selbst nicht fassen kann, so schnell aus dem Leben zu scheiden und genau weiß, der eigene Körper kann nicht mehr. 

social media – eine andere Welt

Sicherlich können Einige jetzt sagen, „wer das Schicksal teilt,bekommt eine Reaktion.“ Das ist richtig und es gibt Gründe, warum es bis zum Schluss solche Updates gibt. Dennoch gibt es Anstand und Moral. Respekt der Familie gegenüber und diese Grundsätze sollten für Alle auch in der virtuellen Welt gelten. Ich nehme mich davon nicht aus und ich selbst habe lange darüber nachgedacht, warum ist es wie eine daily soap, bei der ich unbedingt wissen möchte,  wie es weiter geht? Ist es wirklich interessant zu sehen, wie lange macht er/sie denn noch und wie wird wohl der Verlauf sein, bis zum Tod. Ist es mediales Gaffen? Würden die Leute so weit gehen und noch die Sterbephase bis zum letzten Atemzug, in einem live Video betrachten? Wie viele tausende Zuschauer würden das machen? Könnte die Familie noch Eintrittskarten verkaufen, für die „Show“ live am Krankenbett? 

Wie viele schauen nach dem Tod noch auf die Seite, um ggfs. weitere Informationen über den Sterbeprozess oder die Beerdigung zu bekommen und wie viele Follower entfolgen, wenn das Alles vorbei ist und „nur noch“ an die Person erinnert wird? Sicherlich gibt es dann die nächste Seite, der man folgen kann. Wieder ein Schicksal, wieder ein trauriger Ausgang. 

Mamazeiten

Je mehr ich darüber nachdenke, desto schlimmer und geschmackloser finde ich es. Die Meisten werden gar nicht darüber nachdenken, wo die Grenzen sind und ob die nicht längst überschritten werden. Andere sind froh, dass sie dieses Schicksal nicht haben aber wie viele werden wirklich demütig und denken darüber nach, wie viel Glück sie eigentlich im Leben haben? Das sie gesund sind oder gesunde Kinder große werden sehen dürfen. Die wohl größte Erkenntnis ist für mich: Das Internet ist so anonym, die Menschen denken nicht mehr viel darüber nach was sie anklicken und lesen und bekommen so eine Distanz in der virtuellen Welt, dass die vermeintlich gute Erziehung, komplett versagt. Je öfter sie solche Seiten anklicken, desto normaler wird es, dass die Person eben schwer krank ist und sowieso bald sterben wird. Es wird keine emotionale Bindung aufgebaut – vielleicht noch ein wenig das Gefühl “man kennt sich”. Dennoch schützt es scheinbar bei Einigen nicht, dass sie über die Strenge schlagen. Zum Glück ist das nicht die Masse aber schon die Wenigen reichen, um mit Worten die Familie zu verletzen und tief zu treffen. 

 

Respekt und Bewunderung

Bewundernswert ist für mich die jeweilige Person, die ihr Leben teilt. Der Lebenswille, nicht aufgeben und schlussendlich akzeptieren müssen, dass die Krankheit doch gesiegt hat. Ich denke von den Personen können wir viel lernen. Lernen, dass das Leben das wir führen nicht selbstverständlich ist. Das es nicht selbstverständlich ist, gesund zu sein, liebe Menschen um sich zu haben und das wir dankbar sein sollten, wenn wir gesund sind. Wir können aber auch lernen, dass wir mit positivem Denken und Lebenswille sehr viel erreichen können. Viele, die wirkliche Anteilnahme ausdrücken zeigen auch, dass es ein Gemeinsamkeitsgefühl gibt und das es Menschen gibt, die sich nicht kennen aber an Andere denken. Ich persönlich finde es völlig ok, Personen in social media zu folgen und zu lesen. Ich denke nur, besonders auf solchen sensiblen Seiten, sollten die Leute respektvoll sein und dreimal nachdenken, bevor sie in die Tasten hauen (oder es generell lassen). Darüber nachdenken, dass hinter dem Foto ein echter Mensch steht, der kämpft, hofft und sicherlich motivierende und nette Worte lesen möchte.Denn dahinter sind reale Menschen und eine Familie, die ihr Kind, Frau, Mann oder Freund/-in verlieren wird.

 

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Wow. Ein sehr heftiger Beitrag. Ich kenne solche Seiten nicht bzw. nur vom Hörensagen und es würde mich emotional sehr belasten, mir diese Schicksale anzusehen. Es ist erstaunlich, dass Menschen an dem Leid anderer so intensiv teilnehmen wollen, wo man eigentlich sagen könnte: man kennt sich zum Glück nicht. Wie dem auch sei, bin ich ganz bei dir und finde, die Kommentare überschreiten die Grenze von Anstand und Moral. Das geht einfach nicht. 🙁

  2. Danke für Deinen Kommentar. Ich habe diesen Beitrag bewusst in so einer Art und Weise geschrieben, um wachzurütteln und um Leute zum nachdenken zu bringen. Social Media ist zwar keine direkte und persönliche Kommunikation aber auch am anderen Ende, am PC, Handy usw., sitzen reale Menschen mit Gefühlen oder es ist eine Familie betroffen, Kinder lesen später diese Beiträge usw.. Das Internet vergisst nicht.

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