“Fernbeziehung und unerzogen. Wenn Kinder nicht erzogen werden müssen!” – Interview mit Tina

Ihr Lieben, eine kleine Schaffenspause aber nun geht es mit power in der Blogreihe Familie weiter. Ich freue mich so sehr, dass ich heute Tina (30 Jahre) vorstellen darf. Sie wird Euch heute ihre Familie und Lebenseinstellung und Art zu Leben vorstellen. Liebe Tina, ich danke Dir für den wirklich inspirierenden Beitrag. Du hast mich oft zum nachdenken gebracht. Danke für den Einblick in Deine Familie!

 

Interview


Bitte beschreibe kurz Deine Familie. Was tust Du beruflich, wer gehört zur Familie, wie ist euer Lebensstil bzw. – einstellung?

Wir, das sind Tobi (28), Svea (21 Monate) und Tina (30), starten gerade unser Familienabenteuer. Wir haben uns übers Internet kennengelernt – ganz klassisch über eine Datingplattform, als Svea etwa 1 Jahr alt war und haben sofort gemerkt, dass uns sehr viel verbindet. Seit dem führen wir eine Fernbeziehung, was sich hoffentlich in zwei Jahren dahingehend ändern wird, dass wir gemeinsam unterwegs sein werden. Unser Lebensstil bzw. unsere Zukunftspläne stoßen immer wieder auf erstaunte Nachfragen, Kopfschütteln oder hin und wieder auf „neidvolles“ Schweigen. Als Stichworte seien genannt – vegetarisch/vegan, minimalistisch, unerzogen, kita-/schulfrei, ortsunabhängig.

Mein Job ist derzeit das „managen eines erfolgreichen kleinen Familienunternehmens“ – wie es mal in einer Werbung so schön hieß. Svea verbringt aber auch viel Zeit mit ihrer Oma, das schafft mir Raum, um z.B. meiner Arbeit als Begabungsberaterin nachzugehen. Ich habe Begabungsforschung und Psychologie studiert und mich nach dem Studium selbständig gemacht. Ich habe jetzt eine kleine Beratungsstelle, in welcher ich Familien oder Pädagogen in Bereich der Potenzialentfaltung und Begabungsförderung berate. Alles ist noch im Aufbau, denn meine Haupttätigkeit ist den kleinen Wirbelwind zu begleiten.

Was bedeutet für Dich Familie?

Meine Familie besteht aus Menschen die mir und denen ich wichtig bin. In der Nähe dieser Menschen habe ich das warme Gefühl von Geborgenheit im Bauch, Liebe im Herzen und das Wissen, dass sie zu mir stehen, egal was passiert. Familie hat bei mit nichts mit genetischer Verbundenheit zu tun – das ist dann eher Verwandtschaft, wie Tobi immer so treffend sagt. Familie kann jeder sein und werden, ich zähle neben meiner Mama und meinem Stiefpapa auch einige enge Freunde und natürlich Svea und Tobi dazu. Meine Familie ist mir sehr wichtig. Gerade bei einem nicht ganz gesellschaftskonformen Lebensstil ist es schwer, ihn alleine zu bewältigen. Hätte ich den Rückhalt meiner Familie nicht, könnte ich viele Dinge sicher nicht in dem Maße umsetzten, wie ich es mir vorstelle.

Dein Mann und Du habt Euch über das Internet kennen gelernt? Magst Du davon kurz berichten? War es eine dating Plattform?

Ja es war eine Dating Plattform. Ich war noch keine Woche angemeldet, da wurden wir einander vorgeschlagen. Ich fand das am Anfang ganz schön unromantisch, wenn man erzählt hat: „ein Algorithmus meinte, wird würden gut zusammenpassen und hat uns einander vorgeschlagen“. Aber letzten Endes haben wir ja genau das bekommen, wonach wir dort gesucht haben. Tobi hat dann den ersten Schritt gemacht und mich angeschrieben und seit dem hatten wir jeden Tag Kontakt. Erst haben wir geschrieben, dann telefoniert, schließlich geskypt und ein Date vereinbart. Er hat sich 4 1⁄2 h in den Zug gesetzt und kam mich besuchen. Ich holte ihn vom Bahnhof ab, es war ein grauer regnerischer Tag, den wir uns dann mit schönen Gesprächen etwas sonniger gestalteten. Bereits bei ersten Date ging es um Sterben/Tod, Zukunftspläne und Familiengeschichten, eben alles was wichtig ist. Wir mögen die gleichen Musiker und das selbe eine Lied eben nicht, wir kaufen unabhängig voneinander die gleichen Postkarten in einem Laden und haben die gleichen Bücher im Regal stehen. Wir sind einfach in sehr Vielem im Gleichklang. An der Tatsache, dass er Möhren mag und ich nicht, wird’s hoffentlich nicht scheitern.

Ihr führt seitdem eine Fernbeziehung. Oft wird von „Schönwetter Beziehung“ gesprochen, denn an Wochenende streiten sich die Paare nicht. Einige Leser denken sicherlich: „Na mal sehen, wenn die Beiden zusammen wohnen. Das ist das richtige Leben.” Wie funktioniert eine Beziehung über Distanz und wie siehst Du das?

Ich mag keine Fernbeziehungen und ich hasse telefonieren (da geht soviel nonverbale Kommunikation verloren) – beste Voraussetzungen also. Dennoch waren das keine Gründe, sichgegen diese Beziehung zu entscheiden, dafür hat einfach zu viel gepasst. Wir wohnen 350 km auseinander, dass heißt, wir sehen uns maximal alle 2-3 Wochen für 2 Tage, in den Ferien etwas mehr. Jetzt gerade in den Sommerferien sehn wir uns auch mal 2 Wochen am Stück. Leicht ist es nicht, aber momentan die beste Lösung. Ich denke oft, durch Entzug lernt man erst richtig genießen. Man nimmt gemeinsame Momente viel intensiver wahr und schätzt sie in einer besonderen Art. Das bedeutet nicht, dass wir nicht auch Auseinandersetzungen haben. Gerade wenn man sich noch kennenlernt und auslotet wie der andere denkt und reagiert, gerät man schon mal aneinander. Wir versuchen aber immer das Positive darin zu finden und nehmen es als beziehungstärkend wahr. Also eine Schönwetterbeziehung führen wir sicher nicht, das wollen wir auch gar nicht, denn Wind und Regen sind elementar für ein gutes (Beziehungs-)Klima.

Deine Tochter ist 21 Monate alt. Du hast Dich für eine Entbindung im Geburtshaus entschieden? Wie kam es dazu?

Die Entscheidung fürs Geburtshaus war sehr schnell gefallen. Da eine Geburt keine Krankheit ist, gab es für mich keinen Anlass in ein Krankenhaus zu gehen. Ich hätte ehrlich gesagt sogar Angst davor gehabt. Diese sterile Umgebung empfinde ich für ein solch emotionales, lebensveränderndes und wundervolles Ereignis nicht passend. Ich denke zudem, dass der Natur im Krankenhaus oft zu wenig Raum gelassen wird. Allein, dass es normal erscheint im Liegen zu gebären, nur damit die Ärzte alles gut unter Kontrolle haben, ist für mich absolut undenkbar gewesen. Es wird zu schnell interveniert mit Wehenmitteln und Kaiserschnitten. Geburt hat vor allem mit Entspannung zu tun, zu viele fremde Menschen drum herum und die Sicht auf eine Geburt als medizinisches Phänomen, sind für mich kontraproduktiv und lassen eine Frau in diesem intimen Moment eher verkrampfen, was zu deutlich mehr Schmerz führt. Ich wollte meine Hebamme von Anfang an kennen und selbstbestimmt sein und der Natur ihren Lauf lassen. Das hat super funktioniert. Meine Mama und meine Hebamme haben mich in gemütlicher und stiller Atmosphäre begleitet, damit ich wiederum das Kind gut auf die Welt begleiten und es in aller Ruhe ankommen lassen konnte.

Ihr lebt windelfrei. Habt ihr niemals Windeln benutzt? Wie können wir uns das vorstellen? Besonders kleine Kinder können den Schließmuskel ja noch nicht kontrollieren. Geht da nicht oft auch Einiges daneben? Wie läuft es ab und warum hast Du dich für diesen Schritt entschieden?

Ich mag das Wort windelfrei eigentlich gar nicht so gerne, weil es den Kern der Sache für uns nicht trifft. Denn auch sogenannte windelfreie Kinder, tragen durchaus mal eine Backup-Windel. Ich bevorzuge daher das Wort Ausscheidungskommunikation. Dafür entschieden habe ich mich, weil es für alle angenehmer ist. Niemand (auch ein Baby) mag es, sich mit den eigenen Fäkalien zu beschmutzen. Irgendwie hatte das für mich daher etwas mit Würde zu tun. Und da ich weiß, dass selbst allerkleinste Babys kommunizieren, wenn sie mal müssen, wollte ich das einfach ausprobieren. Hinzukommt, dass Windeln ja eine Erfindung unserer zivilisierten Gesellschaft sind. In den meisten Ländern gibt’s das nicht und da pullern und kackern die Kinder ihre Eltern ja auch nicht voll. Dass Kinder ihren Schließmuskel noch nicht kontrollieren können, stimmt nur zum Teil. Man muss sich halt nur drauf einlassen, die Zeichen deuten lernen und dann klappt das meist ganz gut, auch wenn es natürlich schwierigere Phasen gibt. Nicht zu vergessen ist, dass ich keine Lust hatte einen riesen Müllberg zu produzieren. Daher haben wir Stoffwindeln benutzt, als Backup. Wenn wir längere Strecken unterwegs sind und auch nachts verwenden wir derzeit trotzdem auch mal Wegwerfwindeln – so sehr ich es auch wollte, ganz komme ich nicht drum herum. Ich habe Svea von Anfang an abgehalten und das hat auch oft sehr gut geklappt. Seit sie ein halbes Jahr ist, waren wir beide so fit in unserer Kommunikation, dass ich genau wusste, wann sie ein größeres Geschäft machen musste. Das klappt seit dem ausnahmslos. Ich kann also nicht mitreden, wenn es darum geht stickenden Babywindeln zu wechseln – ich kann es also nur jedem raten auch auszuprobieren, es ist für alle angenehmer :D. Beim Pipi klappte es nach einer Weile weniger gut. Sie hatte eine Phase, da wollte sie sich einfach nicht mehr abhalten lassen – auch ok. Derzeit klappt es wieder etwas besser. Sie läuft oft ohne Windel herum, gerade jetzt im Sommer und wenn dann mal was daneben geht ist es doch schnell weggewischt.

Welchen Erziehungsstil verfolgst Du und was genau bedeutet das?

Ich lebe nach dem Grundsatz, dass ich mit jungen Menschen genauso würdevoll und respektvoll umgehen möchte, wie mit Erwachsenen. Ich sehe keinen Grund darin junge Menschen anders zu behandeln. Bis zu dem Punkt gehen sicher viele Eltern mit. Wenn man diese Idee weiterdenkt impliziert das, dass ich mich immer frage, bevor ich etwas tue: „Möchte ich, dass jemand so mit mir umgeht?“ Wenn die Antwort „Nein“ lautet, dann mache ich das auch nicht mit meiner Tochter. Möchte ich gern meine eigenen Exkremente in der Hose haben? Nein. Also ermögliche ich meiner Tochter von Anfang an Ausscheidungskommunikation zu machen.

Möchte ich alleine schlafen? Nein. Klar, wenn die Mutter die ganze Zeit schnarcht, ist das Kind im eigenen Bett vllt besser aufgehoben aber sonst hat doch jeder das Bedürfnis nach Nähe. Ich möchte nachts nicht ohne Tobi schlafen – wieso soll mein Kind ohne mich schlafen lernen müssen?

Möchte ich andere bestimmen lassen, wann und was ich esse habe? Nein. Ich möchte dann essen, wenn ich Hunger habe und das wonach mir gerade ist. Wir haben Baby led weaning praktiziert – viel einfacher und kostensparender als das ganze Breizeug. Natürlich ist es nicht für alle Familien geeignet, aber für mich war es eine super Erfahrung. Ich habe Svea immer beim Essen dabei gehabt, irgendwann hat sie nach nem Käsebrötchen gegriffen und am nächsten Tag nach ner Spargelstange, seit dem kann sie sich alles von unsren Tellern nehmen was sie will. Sie probiert generell alles, isst problemlos jedes Gemüse – ok abgesehen von Möhren, das hat sie dann wohl von mir.

Möchte ich, dass mir jemand einfach sagt, was ich zu tun habe und mir droht oder Dinge verbietet, wenn ich nicht höre? Nein. Also erziehe ich meine Tochter nicht, sondern gehe mit ihr in Kommunikation.

Warum ich zudem auf Erziehung verzichte ist schnell zusammengefasst. Zum einen sind meine erzieherischen Werte wie Ordnung/Pünktlichkeit/Höflichkeit… total subjektiv. Wieso maße ich mir an, dies auf Biegen und Brechen meinem Kind einzuimpfen? Zweitens stört mich das Menschenbild, das dahinter steht. Kinder sollen zu etwas erzogen werden impliziert, dass sie es ohne nicht tun würden. Dass ein Mensch nicht teilt, nicht dankbar ist, kein Gespür für Konsequenzen hat und verwöhnt und unsozial wird, wenn ich ihn nicht erziehe, finde ich sehr traurig und falsch. Der Mensch ist von Natur aus kooperativ, an Beziehungen interessiert, sensibel und neugierig, wenn man ihn lässt. Wenn man ihn jedoch versucht in eine Form zu pressen und ihn durch Erziehung zu formen, reagiert er mit Abwehr und vllt. auch „unsozialem“ Verhalten, daraufhin versuchen Eltern dann noch mehr zu erziehen. Sie strafen, führen Belohnungssysteme ein und verdonnern das Kind zu Auszeiten oder verbietet etwas. Dies schürt diesen Teufelskreis nur weiter.

Ein Leben ohne Regeln und Grenzen ist für viele Menschen unvorstellbar und es herrscht oft mehrheitlich die Meinung, dass es im Leben immer Grenzen geben wird. Wie funktioniert unerzogen?

Unerzogen heißt nicht, dass es keine Regeln oder Grenzen gibt, denn die gibt es selbstverständlich. Es gibt nur keine willkürlichen, sondern natürliche Grenzen. Das ist z.B. meine Schmerzgrenze. Wenn mir mein Kind also wehtut, dann lasse ich sie das natürlich nicht machen. Auch lasse ich sie natürlich nicht vor ein Auto laufen, sondern halte sie vorher fest und erkläre es ihr. Das sind aber Sachen die eigentlich klar sind. Mir wiederum ist aber nicht klar, wieso ich über andere Dinge im Leben meines Kindes bestimmen soll. Solange es nicht mit meinen Bedürfnissen kollidiert, lasse ich sie weitestgehend frei und konnte bisher noch nicht feststellen, dass sie irgendein Verhalten an den Tag legt, was „bedenklich“ wäre. Dieses „nicht erziehen“ ist für mich aber auch relativ anstrengend. Man muss erstmal seine eigenen Werte überprüfen, umdenken, sich ständig reflektieren und natürlich ist es auch gesellschaftlich nicht wirklich anerkannt. Ja es kostet jede Menge Kraft zu Beginn, aber es lohnt sich.

Was hältst Du von Strafen wie bspw. Auszeit im Zimmer, TV Verbot oder streichen der Gute Nacht Geschichte?

Nichts. Wozu? Um mein Kind zu frustrieren und ihm zu zeigen, dass ich Macht habe und das Kind nicht? Das geht gar nicht. Was wird aus solchen Menschen, die schon in der Kindheit Unterordnung und blinden Gehorsam lernen, nur um anderen zu gefallen?

Auch hier stelle ich mir wieder die Frage, wie reagiere ich als Erwachsener, wenn mein Freund sich hinstellt und sagt: „Also Tina, du kannst jetzt noch 5 min Mails schreiben, danach räumst du aber deinen Schreibtisch auf, sonst gibts heut Abend keine Serie und schon gar keinen gute Nacht Kuss“, da würde ich ihn wahrscheinlich recht schräg angucken und mich fragen, warum er das bestimmen darf. Das Gleiche ist es mit meiner Tochter. Wenn sie gerade lieber spielt, als Mittag isst, wo ist das Problem? Nur weil Kinder schwächer sind, heißt das nicht, dass ich über sie bestimmen darf.

Müssen Kinder Konsequenzen lernen?

Kinder lernen Konsequenzen. Wenn ich etwas fallen lasse, fällt es nach unten. Wenn ich ohne Jacke im Winter rausgehe, dann friere ich bald. Diese Dinge sind nicht von den Eltern ausgedacht, sondern naturgegebene logische Konsequenzen. Will mein Kind nun also die Jacke nicht anziehen, dann nehme ich sie halt mit und wenn dem Kind dann draußen kalt wird, kann es dir Jacke dann anziehen. Wie soll denn ein Kind sonst jemals wissen was wir meinen, wenn wir nur sagen: „Zieh deine Jacke an sonst wirst du frieren“, und es nie eine reale Erfahrung machen lassen. Eine Erfahrung ist mehr wert als mein Gerede. An dieser Stelle kommt dann von anderen Eltern immer die Frage, ob ich mein Kind also auch alleine auf die große Hauptstraße rennen lassen würde… Natürlich nicht. Lebensgefährliche Konsequenzen lotet man natürlich vorher aus.

Ich halte nichts von willkürlichen Konsequenzen. Wozu muss ein Kind sich meinem Willen beugen? Für mich hat das wieder etwas mit Würde zu tun. Ein Kind macht nichts um mich zu ärgern, denn ich bin eine überlebenswichtige Bezugsperson für das Kind. Wenn es ein Verhalten an den Tag legt, was mir nicht gefällt, dann sollte ich zuerst bei mir ansetzen und nicht bei dem Kind. Wenn es mit Filzstift die Couch voll malt, dann ist das ja in erster Linie mein Problem, weil ich offensichtlich die Stifte nicht weit genug weggeräumt habe. Ich erkläre ihr natürlich, dann was da passiert ist und warum ich jetzt vielleicht gerade etwas wütend auf die Tatsache bin, aber ihr deswegen nicht mehr ihr Lieblingsbuch vorzulesen, wäre einfach falsch und unlogisch.

Sieht es Dein Mann genauso oder seid ihr in Erziehungsfragen auch schon mal unterschiedlicher Meinung? Wie geht ihr damit um?

Reden hilft. 😀 Immer! Grundsätzlich sind wir in „Erziehungsfragen“ einig, denn wir erziehen ja nicht 😛 Spaß beiseite, ich weiß was du meinst. Wir sind z.B. unterschiedlicher Ansicht, was dasThema Lob angeht. Ich verzichte so gut es geht darauf (klappt oft noch nicht, weil ich da auch noch in meinen Mustern stecke), Tobi findet Loben ganz ok, weil er es einfach differenzierter definiert als ich. Also haben wir drüber geredet und unsere Argumente ausgetauscht. Wir haben die Unterschiede zwischen Lob / Anerkennung und Freude über etwas zeigen auseinandergenommen und überlegt, was die Alternativen zum Lob sind (z.B. einfach sagen, dass man gesehen hat, dass das Kind gerade zum ersten Mal allein die Schnürsenkel gebunden hat). Wir tauschen uns gern über ganz vielfältige Themen aus, auch über die wissenschaftlichen Sichtweisen. Tobi regt mich bei sehr vielen Sachen zum Nachdenken an, das ist toll. Wir gehen alles gern sehr tiefgründig an reden so lange, bis wir einen Konsens haben. Das läuft in Beziehungsfragen genauso und damit fahren wir bisher ganz gut.

Glaubst Du das deine Tochter Schwierigkeiten bekommen wird, wenn sie später im Berufsleben anfangen soll?

Nö, eher im Gegenteil. Ich sehe, dass viele Freilerner mehr Zeit und Raum haben, ihre wahren Begabungen und Interessen herauszufinden und auszuleben. Somit finden sie auch viel früher heraus, was eine berufliche Perspektive für sie sein könnte. Oft kommt dann die Frage: „Was, wenn das Kind Chirurg werden will?“ Einfache Antwort ist, dass man Abschlüsse jederzeit extern machen kann, wenn sich das Kind für ein Studium interessiert. Wir selbst wissen, dass wenn wir für eine Sache wirklich brennen, wenn uns etwas wirklich interessiert, bleiben wir am Ball. Das dafür Nötige lernen, geht fast von selbst. Daher lernen schulfreie Kinder den Stoff, den sie für eine Prüfung brauchen auch oft viel schneller als ihre schulischen Altersgenossen. Ein Blick in Freilernerfamilien und in andere Länder zeigt, dass das sehr gut funktioniert. Es gibt viele Freilernern die nicht den einen festen Job haben, sie interessieren sich für viele Dinge und haben sich über die Jahre eine Vielzahl an Fertigkeiten angeeignet und verdienen somit ganz flexibel (oft in einer Selbständigkeit) und oft schon in sehr jungen Jahren ihren Lebensunterhalt.

Ihr seid Beide im pädagogischen und psychologischen Bereich tätig. Eure Tochter soll kita und später schulfrei aufwachsen. Wie kommt es zu dieser Entscheidung?

Ich beschäftige mich seit über 10 Jahren intensiv mit Bildung, Lernen und Schule und bin recht schnell zu dem Schluss gekommen, dass Bildung nix mit Schule zu tun hat. Wieso soll man den Großteil seiner Kindheit mit Themen verbringen, die einen in diesem Moment nicht wirklich interessieren, eingesperrt in einem Gebäude oder sogar einen Raum mit 20 Gleichaltrigen – total unnatürlich und realitätsfern. Die Grundbedürfnisse des Menschen, nach sozialer Eingebunden, Kompetenzerleben und Anerkennung können wunderbar außerhalb der Schule befriedigt werden. Ich weiß, dass sich das viele nicht vorstellen können und Angst um die Kinder „solcher Familien“ haben. Man denkt, die Kinder sind ungebildet, haben später keine Chance im Leben. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die uneingeschränkte Unterstützung der Eltern für ihre Kinder und deren Interessen bringt starke und wissbegierige Individuen hervor, welche genau wissen was sie im Leben wollen und ihren Weg finden.

Man weiß durch wissenschaftliche Erkenntnisse und funktionierende Praxisbeispiele ziemlich genau wie Lernen und nachhaltige Bildung funktioniert und welche Voraussetzungen dafür nötig sind. Die Schule kann da leider oft nicht mithalten, weil einfach die strukturellen Gegebenheiten nicht passend sind. Es gibt viele engagierte Lehrer, denen aber auch durch das System die Hände gebunden sind. Hinzukommt, dass die Gesellschaft natürlich keine Frei- und Andersdenker braucht, weil sonst das ganze System zusammenbricht. Es ist also auch vollkommen verständlich, dass die Regierung kein Interesse an der tiefgreifenden Umstrukturierung und einem Umdenken hat, was Bildung betrifft. Wer aber einmal den Gedanken zulässt, dass Schule keine Errungenschaft ist und sich näher mit der Thematik befasst, wird schnell sehen, dass Bildung ganz facettenreich ist und fast nebenbei passiert ohne Schule.

Wir haben in Deutschland Schulpflicht. Gibt es schon Pläne für die Zukunft?

Es gibt ein großes Freilerner-Netzwerk in Deutschland. Da gibt es Viele, die sich erfolgreich für ihre Kinder eingesetzt haben und es auch zukünftig werden. Das werde ich auch versuchen. Klappt das nicht, kann man auswandern, denn in vielen anderen Ländern ist das kein Problem. Freilernen ist mehr als eine Entscheidung, es ist eher eine Lebenseinstellung, die alle mittragen und mitgestalten müssen. Man braucht ein gutes Netzwerk und Durchhaltevermögen. Ich denke, da muss jede Familie ihren ganz eigenen Weg finden.

Wie gehst Du damit um, wenn Eure Tochter gerne zur Schule gehen wollte?

Wenn sie gern in die Kita oder Schule gehn möchte, dann darf sie das natürlich gern machen und ich werde sie unterstützen. Ich werde sie aber zu nichts zwingen, wenn es ihr dort nicht gut geht, darf sie sich auch jederzeit wieder umentscheiden. Wenn mir mein Job keinem Spaß macht, sehe ich mich ja auch nach Alternativen um.

Du hast mir erzählt, dass ihr generell minimalistisch lebt. Wie kann ich mir das vorstellen?

Wir haben keine 5 Flaschenöffner, 7x Bettwäsche oder drei Teeservice zu Hause stehen, sondern eben nur das was man tatsächlich nutzt. Kurz gesagt, gibt es bei uns Freifläche zuhause – Leere Regale, halbvolle Schränke und keinen überflüssigen Schnickschnack. Tobi ist da schon deutlich weiter als ich – ich hebe viele Sachen noch auf, weil ich denke, ich könnte sie irgendwann fürs Kind gebrauchen oder ich kann mich einfach noch nicht trennen. Von Büchern kann ich mich z.B. besonders schwer trennen. Aber alles ist in Arbeit und Stück für Stück gehen wir es an. Wir misten regelmäßig aus. Man muss da so gewisse Tage haben, da überkommt es einen und dann fliegen jede Menge Sachen weg oder wechseln den Besitzer. Jede Anschaffung wird überlegt und ich handhabe es bei Kleidung z.B. so, dass für ein neues Teil (wenn ich überhaupt mal etwas neu kaufe) drei alte gehen lasse (verkaufen, verschenken, wegwerfen). So reduziert sich der Haushalt Stück für Stück. Das Leben ist eine Reise, man sollte also nicht zu viel Gepäck mitnehmen. In zwei Jahren soll schließlich alles in einen Van passen können. Minimalistisch leben bezieht sich aber nicht nur auf den Besitz, sondern auch auf alle anderen Dinge. Wer sich von Äußerlichkeiten trennt wird auch innerlich freier. Man wird dankbarer, gleichmütiger und schätzt Momente und Erlebnisse viel mehr als Gegenstände. Das ist einfach ein sehr bereicherndes Gefühl.

„Alles was Du besitzt, besitzt irgendwann Dich.“ Wie denkst Du über diesen Satz?

Genauso ist es. Besitz ist oft eine Kompensation für die innere Leere. Viele definieren sich über ihren Besitz, das große Haus, das schnelle Auto, das große Bücherregal und den fünf-meter- Kleiderschrank. Man hat etwas Greifbares, an das man sich klammern kann. Sich aber nur noch mit Dingen zu umgeben, die wirklich einen emotionalen (natürlich auch praktischen) Wert haben, ist einfach schön und befreiend. Mistet alle mal richtig aus, man fühlt sich danach so gut.

Hast Du ein Lebensmotto?

Niemand wird sich am Ende seines Lebens hinstellen und sagen: „Mist, ich habe zu viel Zeit mit der Familie verbracht und zu wenig gearbeitet“ und „Mist, ich habe zu viel von der Welt gesehn, mich zu gut ernährt und zu viel Zeit mit Dingen verbracht, die mir Spaß gemacht haben.“ Daher ist das Motto stets das zu tun, von dem man weiß, dass es ne gute Sache ist.

Wie würdest Du euren Lebensstil bezeichnen?

Unser Idealbild beinhaltet Achtsamkeit, Bewusstheit und Nachhaltigkeit. Wir sind auf dem Weg dahin. Wir investieren wenig in Dinge, sondern eher in Momente. Wir achten auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden und das der Anderen. Der derzeitige Umgang des Menschen mit sich selbst, Tieren und der Natur entspricht nicht unseren Vorstellungen und wir möchten einen Teil dazu beitragen, dass sich das ändert. Dabei muss man natürlich bei der eigenen Lebensweise anfangen. Meine große Herausforderung ist derzeit die Plastikreduktion. Es ist schwer, wenn man als Einzelperson mit Kind, ohne Auto und einem geringen Einkommen möglichst Plastikfrei an Lebensmittel gelangen möchte. Die Basics wie Bambuszahnbürsten, Glasflaschen und (Baum-)wollkleidung sind natürlich längst bei uns eingezogen, aber mit der eben genannten Lebensmittelsituation bin ich noch nicht ganz zufrieden.

Ihr lebt vegetarisch und vegan. Wo geht ihr einkaufen? Kann ich Dich bei Discountern treffen und gibt es Grundsätze wie bspw. keine Plastikflaschen usw.?

Meine Eltern haben eine Wasserfilteranlage, die wir mitnutzen können und das Wasser wird in Glasflaschen abgefüllt. Plastikflaschen haben wir schon vor Ewigkeiten aus dem Haus verbannt 😀 bei Discountern wirst du uns wohl auch eher weniger treffen. Wir leben sehr reduziert, wir kaufen nicht besonders viel ein, sondern achten darauf aus möglichst wenig viel zu zaubern. Und das wenige was wir kaufen, sollte schon bio sein. Ein paar Sachen bauen wir selbst an und haben somit immer saisonales bio Gemüse und Obst.

Ist das Leben bio nicht unwahrscheinlich teuer?

Ja, grundlegend ist es natürlich teurer als der Einkauf im Discounter. Wir geben dafür weniger Geld für andere Sachen aus und investieren auf diesem Gebiet eben lieber etwas mehr. Gute Ernährung begünstigt Gesundheit und Wohlbefinden und wenn ich darin investiere, habe ich auch langfristig mehr davon. Das meiste selbst anbauen wäre unser Traum, mal sehn wie weit der in Erfüllung geht. Wenn wir auf Reisen sind wird das wohl eher nichts werden, aber auch das machen wir ja nicht ausschließlich.

Ihr wollt Euch einen Transporter kaufen und umbauen, um dann auf Weltreise zu gehen? Wie weit sind Eure Planungen?

Wir suchen jetzt nach dem passenden „Basismodell“ für unser Vorhaben und tauschen gerade unsere konkreten Vorstellungen aus. Im nächsten halben Jahr, soll also der Transporter her. Er soll Platz für 4 Personen haben und darf nicht zu klein sein, Tobi ist fast 2m groß. 😀 Im nächsten Frühjahr/Sommer soll der Ausbau starten, bis dahin hoffe ich, mir das passende Wissen und Material besorgt zu haben. Wir wollen uns viel Zeit lassen. Denn erstens werde ich viel allein machen müssen – weil Fernbeziehung und so- und ich hab ja auch noch die Maus, die ihren Tag mit mir teilen möchte. Außerdem passieren, wie bei jedem Hausbau, sicher einige unvorhersehbare Dinge. Wir haben die nächsten zwei Jahre für alles eingeplant und dann wollen wir starten.

Welche Länder möchtet ihr bereisen und warum?

Da sind wir völlig offen. Uns interessieren die Natur, Lebensweisen und die Menschen im Allgemeinen und da hat jedes Land etwas Einzigartiges zu bieten. Wir werden wohl erstmal mit Europa starten und uns dann langsam in die Welt vortasten.

Wie wollt ihr die Weltreise finanzieren?

Wir werden natürlich dafür arbeiten. Genauso wie jeder seine Kosten an einem fixen Wohnort aufbringen muss und daher an einem festen Platz arbeitet, erwirtschaften wir unser Einkommen flexibel an verschiedenen Orten. Ich werde weiterhin Beratungen anbieten. Durch die heutigen technischen Möglichkeiten sitzt man in Bild und Ton fast bei den Klienten auf dem Sofa, das vereinfacht vieles. Es gibt so viele Jobs, die man heute online machen kann und so viele Menschen die kurz- oder längerfristige Unterstützung suchen um z.B. auf ihrem Hof Arbeit anbieten. Wir werden also auch viel Wwoofing, Urlaub gegen Hand ausprobieren.

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