Welche Grundschule ist die Richtige für mein Kind?

Vor gut zwei Wochen flatterte ein Brief der Stadt in Haus “Verbindliche Anmeldung zur Grundschule”. Ich war zunächst sehr erstaunt, unser Sohn ist doch gerade mal 4,5 Jahre alt und nun ist es also schon soweit und wir müssen uns für eine Grundschule und Schulform entscheiden. Bei uns ist es so, dass wir freie Schulwahl haben. Jede Grundschule macht einen “Tag der offenen Tür” und danach können die Eltern entscheiden, welchen Erstwunsch und Zweitwunsch sie angeben.
Durch Freunde, Bekannte und Familie haben wir schon viel über die “Grundschule von heute” gehört. Es ist nicht mehr mit meiner Schulzeit zu vergleichen. Vier Stunden, alle Kinder haben Respekt vor den Lehrern und die Lehrer hechten nicht dem Kolloquium des jeweiligen Bundeslandes hinterher. Konkurrenzdenken zwischen den Lehrern, wer denn die bessere Klasse hat und den höheren Notendurchschnitt, dass habe ich zu meiner Schulzeit auch nicht mitbekommen. Störungen gab es vereinzelt aber an sich bestand eine Schulstunde aus Unterricht und nicht aus “ermahnen” und “diskutieren”. Auch mussten wir nicht als Hausaufgabe “100 mal die 3 schreiben”. Kurz und knapp, irgendwie war es früher doch ein wenig anders.

 

Heute hören wir immer wieder “Lass ihn die Kindergartenzeit genießen – wenn erstmal die Schule anfängt, dann hat er keine Zeit mehr.” Wir reden hier von sechsjährigen Kindern und die haben dann keine Zeit mehr?
Wir selbst sind Menschen, die gerne informiert sind und auch nach rechts und links schauen und durchaus Altbewährtes auch in Frage stellen. So auch mit der Schulwahl. Wir haben bereits im Sommer begonnen, uns auch mit alternativen Schulformen zu beschäftigen. Diese möchte ich Euch heute vorstellen. Bestimmt gibt es noch weitere Formen, die wir aber nicht in der Nähe haben bzw. für uns nicht in Frage gekommen sind:

  • Montessori Schule
  • Freie Schule
  • Waldorf Schule
  • Städtische Grundschule klassisch
  • Städtische Grundschule mit Eingangsstufe
  • Freilerner

 

Montessori Schule 

“Hilf mir es selbst zu tun” – Das ist DER Leitsatz von Maria Montessori (1840 – 1912). Sie gründete 1907 ein Montessori-Kinderhaus mit den Ansätzen ihrer Pädagogik. Die Montessori Schulen und Kinderhäuser gibt es in fast allen Ländern auf der Erde. Die Prinzipien sind:

  • das Kind in seiner Persönlichkeit achten und es als ganzen, vollwertigen Menschen sehen

  • seinen Willen entwickeln helfen, indem man ihm Raum für freie Entscheidungen gibt; ihm helfen, selbständig zu denken und zu handeln

  • ihm Gelegenheit bieten, dem eigenen Lernbedürfnis zu folgen; denn Kinder wollen nicht irgendetwas lernen, sondern zu einer bestimmten Zeit etwas ganz Bestimmtes (sensible Phasen)

  • ihm helfen, Schwierigkeiten zu überwinden statt ihnen auszuweichen

  • Lehrer sind Beobachter und helfen den Schülern, bei der Entscheidungsfindung

Freies Lernen ist ein Hauptelement der Montessori Schulen. Die Kinder finden einen “vorbereitete Lernumgebung” und entscheiden tagtäglich, womit sie sich beschäftigen möchten. Das Montessori Material, wie bspw. Rechenhilfen/ Spindeln, werden dem Kind zur Verfügung gestellt. Es bestimmt selbstbestimmt, ob es alleine oder mit einem Partner lernen möchte und auch die Dauer und Intensität. Montessori ist davon ausgegangen, dass die “freie Entscheidung zu einer Disziplin führt, die von innen kommt und nicht von einem Erzieher initiiert wird”.
Quelle: www.montessori.de
Diese Schulform kostet monatliches Schulgeld (meist einkommensabhängig) und auch Elternarbeit wird erwartet. Dies sind regelmäßige Elternabende, Elterndienste etc..

Freie Schulen

Die freien Schulen basieren meist auf der Pädagogik von Montessori und Rebeca und Mauricio Wild und gelten als Alternativschulen. In Deutschland besuchen ca. 7500 Schüler und Schülerinnen, freie Schulen.
An einer freien Schule können die Kinder selbstbestimmt entscheiden und lernen – oder auch nicht. Das bedeutet, wenn Grundschüler lieber Fußball spielen möchten, dann können sie das auch den ganzen Tag tun und nach 4 Stunden ausgepowert wieder nach Haue gehen. Die Schule muss sich an keinen Lehrplan halten. Der Grundgedanke dahinter ist, dass Kinder einen unstillbaren Wissensdurst haben und sobald die Entwicklung voran schreitet, sie von alleine sich mit einem Thema wie bspw. lesen zu beschäftigen. Auch das lernen von Vorbildern spielt eine große Rolle. Wenn der Freund bereits lesen kann, dann steigt die Motivation bei den Kleinen, es auch zu lernen. Natürlich werden auch Projekte und vorbereitete Räume angeboten. Weiterhin gibt es keine Noten und altersübergreifende Gruppen. Einen Lehrer, wie wir ihn aus der Schule kennen, gibt es auch dort nicht. Es gibt Lernbegleiter, die die Kinder unterstützen. Die meisten Konzepte von Freien Schulen basieren darauf, dass der Fokus auf “ich lerne wie ich mir Wissen selbst aneignen kann”. Bedeutet, die Kinder fragen, wenn sie Hilfe oder eine Erklärung benötigen.
Weitere Informationen/ Quelle: Bundesverband der freien Alternativschulen
Wir selbst sind auch der Auffassung, dass die Entwicklung der Kinder von alleine passiert, wenn sie soweit sind. Einige Kinder sprechen mit zwei schon alle Wörter richtig aus, andere Kinder haben eine große Allgemeinbildung und/oder einen größeren Wortschatz und sprechen erst mit fünf die Wörter.

Waldorf Schulen

Ich könnte wetten, mehr als 90% der Leute antworten bei dem Begriff “Waldorf Schule” mit, “Die können ihren Namen tanzen”. Das ist auch richtig. Im Fach Eurythmie, das die Kinder vom Kindergarten, bis zum Abitur begleitet – lernen sie einen Ausdruckstanz, der es auch ermöglichen würde, den eigenen Namen zu tanzen. Waldorf und Freie Schule wird meist in einen Topf geworfen – das ist aber nicht richtig – die beiden Schulformen liegen sehr weit auseinander.

Sie wurde 1919 von Rudolf Steiner (1861-1925) zusammen mit Emil Molt, Besitzer der damaligen Waldorf Astoria Zigarettenfabrik, für die Arbeiterkinder in Stuttgart gegründet und nach der Fabrik benannt. Mit dieser Schule wurde zum erstenmal das Prinzip sozialer Gerechtigkeit im Bildungswesen verwirklicht. Unabhängig von sozialer Herkunft, Begabung und späterem Beruf erhalten junge Menschen eine gemeinsame Bildung. Als erste Gesamtschule haben die Waldorfschulen das mit dem vertikalen Schulsystem verbundene Prinzip der Auslese durch eine Pädagogik der Förderung ersetzt.

In den Waldorfschulen gibt es Besonderheiten, die sie zu normalen Schulen sehr stark unterscheiden:

  • Es gibt kein Sitzenbleiben
  • Besonderer Fokus auf künstlerischen und handwerklichen Fokus
  • Der Unterricht findet in Epochen (bestimmte Zeiträume – ein Thema) statt. Bspw. über mehrere Wochen nur Mathe, dann andere Fächer und dann wieder Mathe
  • Von der 1. bis 7. Klasse unterrichtet eine Lehrerin/Lehrer in allen Fächern, danach gibt es Fachlehrer
  • keine Noten bis zur 7. Klasse
  • Die Klassenstärken sind meist sehr groß, bis zu 36 Kindern

Waldorf Schulen haben klare Regeln und Strukturen. Sie beginnen bspw. immer mit einem Morgenkreis und einem “Gebet”. Die Waldorfpädagogik nach Steiner wird gelebt und gelehrt – anders als an freien Schulen – sind die Schüler nicht selbstbestimmt unterwegs. Dennoch unterscheidet sich eine Waldorfschule sehr stark von einer normalen Regelschule. Es werden andere Materialien verwendet, keine Schulbücher und die Kinder können handwerklich sehr viel ausprobieren. Die Klassengemeinschaft ist meist sehr stark und die Lehrerin/ Lehrer wird zu einer engen Vertrauensperson.
Die Eltern werden in einer Waldorfschule sehr eingebunden. Es gibt regelmäßige Elternabende, Elterndienste und Veranstaltungen. Ein Schulgeld ist einkommensabhängig aber jede Schule wirbt damit, dass eine Aufnahme niemals an den Gebühren scheitern wird. Ich werde noch einen Blogbeitrag über den “Tag der offenen Tür” dort schreiben.
Weiter Informationen dazu unter www.waldorfschule.de
Ebenfalls sehr empfehlenswert und wirklich realistisch wie der Schulalltag dort aussieht, der Film “Guten Morgen liebe Kinder”

Städtische Grundschule/ mit und ohne Eingangsstufe

Ich denke diese Schulform kennen wir Alle. Die Grundschule, meist im 3 Zugsystem – also drei 1. Klassen, drei 2. Klassen usw.. bis zur vierten Klasse. In einer Klasse meist um die 25 Schüler, es gibt einen Klassenlehrer und für die verschiedenen Fächer auch Fachlehrer.
mit Eingangsstufe
Ist eine Form der Grundschule, die sich ein wenig an den Alternativschulen orientiert. Hier werden 1. und 2. Klassen zusammen gelegt. Die Gruppenstärke umfasst 20 Kinder. Die Kinder können in ihrem eigenen Tempo lernen und werden unterstützt und gefordert und gefördert. Nach einem Jahr können besonders begabte Schüler direkt in die 3. Klasse wechseln. Spätzünder können drei Jahre in der Eingangsstufe verbleiben und wechseln dann erst in die 3. Klasse. Somit gibt es kein klassisches sitzen bleiben, die Kinder müssen nicht zu sehen das sie dem Stoff hinterher kommen und haben die Chance sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln. Ab der 3. Klasse gibt es dann einen Klassenverband, wie an jeder anderen Regelschule.
Weitere Informationen bspw. hier: Kultusministerium Land Niedersachsen
 

Freilerner

Zum Thema Freilerner möchte ich in den kommenden Tagen einen separaten Blogbeitrag schreiben. Es ist eine interessante Schulform in der Grauzone und sicherlich nicht für Jedermann geschaffen. Wir haben uns im Rahmen der Schulwahl aber auch diese Möglichkeit angesehen.
Für welche Schulform und warum wir uns schlussendlich entschieden haben, möchte ich Euch in der Fortsetzung dieses Artikels erzählen. Wer die Wahl hat, hat die Qual 🙂
 

 

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